Der Baikalsee und seine Menschen

Geteilte Reiseerinnerungen

Es ist gar nicht so leicht, über berühmte Plätze der Erde zu schreiben, über besondere Reiseziele, vor allem wenn man sie schon besucht hat. Der Baikalsee war lange mein Sehnsuchtsort. Und nachdem ich dort war und mehrmals bereist habe, ist dieser Platz scheinbar nicht mehr so besonders und wirkt fast unspektakulär in meiner Erinnerung. Er ist vertraut und ich kenne ihn, ich veranstalte Reisen an den Baikalsee und die Region ist Teil meiner Tätigkeit für Reisende und für die Einheimischen. Ich veranstalte diese Reisen mit Leidenschaft.
Der Baikal ist ein Ort mit dem ich viel verbinde und zu dem es scheinbar keinen Abstand mehr gibt, der scheinbar alltäglich geworden ist. Da gibt es nur eins - mich wieder einzulassen und mich gedanklich wieder zurück in diese Erlebnisse und Erfahrungen zu begeben - um zu 
fühlen wie es damals war.

baikalsee_gudrunwippel_kiaorareisen.jpg

Stimmung am Baikalsee_Gudrun Wippel_Kia Ora Reisen
Stimmung am Baikalsee_Gudrun Wippel_Kia Ora Reisen
Baikalsee und Nordufer - Kia Ora Reisen

Während ich zum Beispiel auf den Fotos die üppigen Blumenwiesen und geheimnisvollen Waldböden mit unzähligen Pflanzenarten bewundere atme ich den Duft von damals wieder ein und befinde mich gleichsam wieder an diesem Ort. Gleich darauf schmecke ich das sanfte Aroma der feinsten Waldhimbeeren auf der Zunge. Die hatten wir am Wegrand gefunden. Das leuchtende Abendlicht am See - klarer Himmel wie nie zuvor gesehen..., das war Kanada, der Norden von Saskatchewan, von dem ich neulich erzählt habe. Hier und heute geht es um den Baikal, um meine erste Reise an das "Heilige Meer".

Der Baikalsee ist sehr präsent. Er strahlt so etwas wie eine Urkraft aus. Der Baikalsee ist unvergleichlich - schön, erhaben, einzigartig. Der Baikalsee verlangt Hingabe - erst wenn man sich auf ihn einlässt, fühlt man welch eine große Energie von der Region ausgeht. Der Baikalsee wirkt kraftvoll, ernsthaft und ganz ruhig, obwohl er ständig sein Gesicht ändert. Ich fühle mich an einem uralten Platz auf Mutter Erde. Und das ist er auch, über 25 Millionen Jahre alt. Einer der ältesten Orte auf der Erde! Er nimmt mich an und ich fühle mich geborgen.

olkhon_steilkuste_baikalsee_gudrunwippel.jpg

Insel Olkhon Steilküste im Norden_Gudrun Wippel
Insel Olkhon Steilküste im Norden_Gudrun Wippel

Während ich schreibe stelle ich die Verbindung zur Gegenwart her - in meiner Geschichte vom Baikalsee und seinen Menschen, unserer Geschichte.

Meine Gedanken fliegen nach Osten, nach Sibirien, weit nach Osten. Der Baikalsee befindet sich im asiatischen Teil Russlands, nördlich der Mongolei. Am Baikalsee war ich schon einmal ganz kurz auf meiner ersten Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn 2005. Damals konnte ich vom Zug aus einige Blicke auf den Baikalsee werfen, als wir mit der Bahn ein Stückchen an seinem Ufer entlangfuhren. Unser Ziel war damals die Mongolei und der Baikal musste warten. Erst 7 Jahre später folgte meine erste Baikal-Reise, im Mai 2012.

Auf unserer ersten Baikal-Reise waren wir in einer ganz klaren Mission unterwegs und diese Mission ist noch immer nicht abgeschlossen. Ein Museum. Ein Museum für das Lebenswerk eines Künstlers auf der Wanderung zwischen den Welten, Michael Grey Wolf Guruev.

Für mich ging mit dieser Reise an den Baikalsee ein langgehegter Wunsch in Erfüllung und es haben sich neue Türen geöffnet... Türen zu wundervollen Landschaften und Menschen die heute Bestandteile der Kia Ora-Reisen sind, und Türen zu mir selbst.

Reise nach Ulan-Ude, Hauptstadt von Burjatien

Burjatische Gastfreundschaft

Schnell war unser Entschluss gefasst - im Mai 2012 wollten wir an den Baikalsee reisen und herausfinden, ob wir dort einen Teil des Testaments unseres Freundes Grey Wolf Guruev erfüllen und sein Museum realisieren könnten. Genau dafür hatten wir ein fantastisches Angebot bekommen! Wir waren eingeladen, diesen Platz zu besuchen und mit dem Unterstützer zu sprechen.
Natürlich wollten wir auch die anderen möglichen Plätze besuchen und mit Interessenten und Unterstützern sprechen, die sich Grey Wolf für sein Museum gewünscht hatte und in seinem Testament genannt hatte.

Von FRA flogen wir nach Moskau und dann weiter nach Ulan-Ude. Ich kann meine Freude und Begeisterung nicht beschreiben, die ich empfand, als wir damals nach Sibirien flogen, ich fand es so spannend und aufregend, dass mich nichts stören oder meine Stimmung verderben konnte. Ulan-Ude, die Hauptstadt Burjatiens, empfing uns mit einem grauen, kalten und nebligen Morgen Mitte Mai. Die Witwe des Künstlers, ich nenne sie hier Nara, holte uns vom Flughafen ab. Sie sah aus wie man sich Menschen in Sibirien so vorstellt: eine wunderhübsche burjatische Frau, eine Frau mit asiatischen Gesichtszügen, in einem dicken Daunenmantel mit fellbesetzter Kapuze. Sie hat Ähnlichkeit mit einer Inuit- oder Eskimo-Frau. Ich hatte sie im März desselben Jahres, nachdem Grey Wolf gestorben war, in der Mongolei kennengelernt, als wir gemeinsam seine Sachen verpackten und die notwendigen Formalitäten erledigten.
Wir sind in Burjatien: An den Straßenrändern zeigen sich die ersten Knospen an den Sträuchern und Bäumen. Erwartungsvoll genießen wir die gemütliche Taxi-Fahrt vom Flughafen in die Innenstadt. Ich finde alles interessant und schön und freue mich einfach nur, wieder hier zu sein - diesmal für eine ausführliche Reise, auf den Spuren unseres Freundes und in der Mission seinen letzten Wunsch zu erfüllen!

Nara bringt uns in Ulan-Ude bei ihrer Schwester Tuya (Name geändert) unter, einer arbeitslosen Künstlerin, die auf Jobsuche ist und in einem Hochhaus im Wohnviertel außerhalb des Stadtzentrums lebt. Hier können wir wohnen und uns wie zu Hause fühlen. Die junge Frau ist sehr nett, aber zurückhaltend, fast scheu. Sie ist Buddhistin, wie Nara. Von der Wohnung aus fahren wir mit der Straßenbahn in die Innenstadt. Die Verkehrsverbindungen sind hervorragend und es kostet fast nichts. Rentner und Kinder fahren hier übrigens kostenlos mit allen öffentlichen Verkehrsmitteln. Nara unterstützt uns sehr und Tuya ist uns eine unkomplizierte nette Gastgeberin. Wir fühlen uns bei ihr sehr wohl, ich spüre aber, dass sie eine unsichere junge Frau ist. Sicher liegt es auch daran, dass sie kaum ein Wort Englisch spricht und wir kein Russisch, so dass wir wenig übereinander erfahren. Wir kaufen gemeinsam ein und sie kocht abends für uns.

ulan-ude_gudrunwippel_kiaorareisen.jpg

Ulan-Ude Hauptstadt Burjatien_Gudrun Wippel
Ulan-Ude Hauptstadt Burjatien_Gudrun Wippel
Ulan-Ude Hauptstadt Burjatien_Gudrun Wippel

Später besuchen wir Nara im Museum, sie arbeitet als Buddhismus-Expertin im Nationalmuseum von Burjatien. Da sie hervorragend Englisch spricht hat sie viel Kontakt mit Menschen aus aller Welt. Sie macht Museums-Führungen, für Reisegruppen genauso wie für burjatische Schulklassen. Wir haben die Gelegenheit bei einer Schulführung dabei zu sein und anschließend mit der Klasse und Nara mit dem Reisebus zum berühmten buddhistischen Tempelkomplex Ivolginsk zu fahren.

Aus unserem Tagebuch:
Nara spricht die gesamte Fahrt über - ein Vortrag über Buddhismus und das Kloster Ivolginsk. Das ist immerhin fast eine Dreiviertel Stunde.

Als Museums-Mitarbeiterin und Buddhistin ist sie gut vorbereitet und man merkt ihr die Erfahrung als Lehrerin und Museums-Führerin an, auch dass sie wohl öfter solche Vorträge hält - über Buddhismus, Entwicklung des Buddhismus in Burjatien, über die Art dieses Buddhismus, verschiedene Gottheiten und das Kloster Ivolginsk.

Das Kloster ist beeindruckend, die Tempel werden fast alle besucht und die Mönche arbeiten hier. Günter sagt, dass dieses Kloster viel frischer und lebendiger wirkt als das Gandan Kloster in Ulaanbaatar. Später erfahren wir, dass das Ivolginskii Datsan erst 1945 gebaut worden ist und - zwar unter Mühen - während der Sowjetzeit aktiv war. Die Mönche, die während dieser Zeit hier lebten, hatten es sicher nicht leicht, aber immerhin konnten sie praktizieren. Man ließ es zu.

Und es ist richtig - das Gandan Kloster ist viel älter und hat sehr viel Leid erlebt.

Ein Tempel war unzugänglich, aber alle Besucher umrundeten ihn ehrfurchtsvoll. 

Nara sagte, dass das der Tempel mit dem unzerstörten Körper sei - ich verstand aber Tempel der zerstörten Körper und dachte es hätte etwas mit Schutz gegen Krankheit zu tun oder so etwas. Aber ich wusste, dass ich was nicht ganz richtig verstanden hatte und fühlte auch etwas Anderes. Günter sagte später zu mir, als er unser neues Buch über die Baikalregion las, dass in dem Kloster ein Mönch liege, dessen Körper auch 75 Jahre nach seinem Tod keinerlei Zeichen von Verwesung zeigt.

Das war es also, jetzt verstand ich was Nara gesagt hatte.

buddhistischer_tempel_ivolginsk_burjatien_gudrunwippel.jpg

buddhistischer Tempel Kloster Ivolginsk Burjatien_Gudrun Wippel
buddhistischer Tempel Kloster Ivolginsk Burjatien_Gudrun Wippel
buddhistischer Tempel Kloster Ivolginsk Burjatien_Gudrun Wippel

In Mission für einen Freund unterwegs 

Grey Wolf Guruev hatte Günter im Herbst 2011 gebeten, seinem Testament gemäß all seine Sachen zu bewahren, und idealerweise in einem Museum auszustellen. Er hatte die letzten 6 Jahre in der Mongolei gelebt und alle seine Werke und sein Hab und Gut befanden sich dort - nach seinem Tod von uns sicher aufbewahrt. Seine Wunschplätze für das Museum waren die Insel Olkhon im Baikalsee, das Freilichtmuseum Taltsy am Baikalsee, das Freilichtmuseum in Ulan-Ude und das Ewenkische Kulturzentrum in Alla im Barguzintal, hinter dem Städtchen Kurumkan, oder auch in Karafit, einer ewenkischen Siedlung. Sein ursprünglicher Plan war es, ein ausbildendes Kulturzentrum für die Indigenen Völker Nordasiens zu errichten. Er selbst hatte es zu Lebzeiten nicht verwirklichen können, und nun sollten seine Werke den Menschen von seinem Volk zugänglich sein und ihnen zugutekommen.

grey_wolf_guruev_2011.jpg

Michael Grey Wolf Guruev 2011_Gudrun Wippel

Natürlich wollten wir alle Plätze anschauen, die in Frage kamen und mit den Menschen dort sprechen. Daher entschlossen wir uns auch noch spontan, nach Alla zu fahren. Bis auf die Fahrt nach Irkutsk und auf die Insel Olkhon hatten wir noch nichts geplant oder organisiert. Für Olkhon hatten wir ein konkretes Angebot - uns wurde ein Grundstück für das Museum zur Verfügung angeboten!

An dieser Stelle wird es Zeit, dass ich eine wichtige Voraussetzung für das Museums-Projekt verdeutliche. Die Voraussetzung ist der kulturelle Wert der Kunstwerke, und eben auch der immaterielle Wert dieser. Alle Menschen mit denen wir gesprochen hatten, mit denen Grey Wolf gearbeitet hatte, die ihn kennengelernt hatten und denen wir jemals seine Werke oder Fotos davon zeigten waren ausnahmslos begeistert und berührt von den Bildern, den Skulpturen, den Teppichen, der Kleidung ... egal, ob es meine Russischen Agenturpartner waren, Kulturwissenschaftler, Kulturminister, Bürgermeister, ob es Burjaten, Ewenken oder Mongolen waren. Und auch Menschen in Deutschland...

Da wir insgesamt für die Baikal-Reise nur 12 Tage zur Verfügung hatten, musste alles sehr straff organisiert sein und wir hatten wenig Freiraum. Der wichtigste Teil unserer Reise ist also Irkutsk, das Sibirische Freilicht-Museums Taltsy und die Insel Olkhon, dazu sind wir mit Alexei und Vladimir verabredet.

Das Freilichtmuseum in Ulan-Ude steht natürlich auch auf unserem umfangreichen Programm. Nara hilft uns sehr! Vor allem übersetzt sie sehr viel für uns, macht Termine aus und begleitet uns. Wir wollen so viele Unterstützer und Befürworter für das Museum finden wie nur möglich, damit es gelingen kann. Und wir sind einfach gespannt die Menschen hier kennenzulernen.

Durch unsere Mission und all diese Termine gerät das Naturerlebnis Baikalsee scheinbar erst einmal in den Hintergrund. Für uns sind vor allem die Menschen wichtig, die Kultur, die Lebensumstände hier in Burjatien und später auch in Irkutsk. Es ist unglaublich spannend, GWG’s Bekannte kennenzulernen, die ihn einst unterstützten oder die er um Hilfe gebeten hatte, als er hier mit Nara lebte. Das ermöglicht uns ein Eintauchen in die ganz anderen Kulturen - die Burjatische und die Ewenkische. Wir lernen die Mentalität der Menschen hier kennen, ihre Lebensumstände und lernen damit umzugehen.

Die Geschichte von Michael Grey Wolf Guruev und die Indigenen Völker Sibiriens

Unse Mission hat eine Geschichte! Es ist wichtig zu verstehen, was GWG in der Baikal-Region in den 1990er Jahren erlebt hatte, wie es dazu kam und ... warum hier alles so schwierig war. Damals versuchte GWG für sich ein Einkommen zu generieren, einen Platz in dieser Gesellschaft zu finden und zu seinen ewenkischen Wurzeln zurückzukehren, die er als Kind verloren hatte. Es ist für uns kaum vorstellbar, wie es einem Menschen geht, der als kleines Kind entwurzelt wurde und seine Identität verlor! Kaum vorstellbar in einem fremden Land seine Mutter zu verlieren, so wie es dem kleinen Michael ergangen war. Dessen Mutter verschwand, nachdem sie mit ihm bis nach Deutschland ausgewandert war mit dem Ende des 2. Weltkrieges - aus welchen Gründen auch immer! War sein Vater Deutscher? Wir wissen es nicht, er wusste es nicht.

Wir wissen auch nicht, wie es für ihn war, in mehreren Pflegefamilien aufzuwachsen und herumgestoßen zu werden, nie wissend, wer er eigentlich wirklich war. Seine Kindheitserinnerungen von der Flucht waren vage, verschwommen, bruchstückhaft tauchten klare Erinnerungen auf und ließen ihn nicht los...

Als junger Mann wanderte Michael von Deutschland noch kurz vor dem Mauerbau über Finnland nach Kanada aus und von dort später in die USA. Er wurde Künstler - Maler und Bildhauer, ein Autodidakt. Das gab ihm Halt und darin fand er seine Identität, denn seine Begabung und das, was er von seinen Vorfahren mitbekommen hatte, führten ihn.

Von den Navajo bekam er den Namen Grey Wolf. Als ihm eines Tages ein Künstler der Native Americans riet, seine Wurzeln zu finden, um die Kunst seiner Vorfahren zu verstehen und zu erlernen, machte er sich auf den Weg nach Sibirien. Er lernte die Menschen vom Volk der Ewenken am Baikalsee kennen - seine Leute, wie er immer sagte. Seine Leute, die Indigenen Menschen vom Volk der Ewenken, denen seine Mutter angehört hatte. Aber auch hier blieb er ein Fremder.

Und so blieb er zeit seines Lebens ein Wanderer zwischen den Welten.

Sein Genie ließ ihn die Kunst seiner Leute verstehen, die Legenden, die Lebensweise, die schamanischen Traditionen - die er sehr schätzte und respektierte.

GWG heiratete Nara, die schöne Burjatin und Genia, ihr wunderschönes Mädchen, wurde geboren. Es klingt wie ein Märchen, eine romantische Liebes-Geschichte. Aber Grey Wolf fand keine Ruhe - es gab kein Happy End in dieser Geschichte. Die Situation Anfang der 90er Jahre in Russland war alles andere als rosig, besonders für die Indigenen, die „Kleinen Völker des Nordens“. Nachdem die SU nicht mehr bestand und gesellschaftliche Umwälzungen erneut Unsicherheit und Arbeitslosigkeit gebracht hatten, waren die Indigenen Völker auf dem Territorium Russlands, wie die Ewenken, ganz besonders davon betroffen, und sind es bis heute noch.

Ewenken - ein Nomadenvolk, das Rentiere domestizierte und traditionell mit dem Zug der Rentiere wanderte - waren in der SU zwangsweise sesshaft gemacht worden und in Kolchosen gezwungen worden. Die Rentiere „gehörten“ den Ewenken, in deren Kultur Besitz an Natur und Land fremd war, auf einmal nicht mehr, sondern dem Staat und unterlagen der Planwirtschaft. Die ewenkische Sprache und Religion, ihre Weltanschauung und ihre Traditionen waren als rückständig erklärt und ihnen genommen worden. Härteste Strafen drohten denjenigen, die dennoch versuchten, Sprache und Schamanismus zu praktizieren... die Kinder kamen in Internate, weit weg von den Eltern und mussten Russisch lernen.

Und nun - Anfang der 1990er Jahre nachdem es keine Sowjetunion mehr gab und statt Planwirtschaft und Kolchosen freie Marktwirtschaft - waren die Indigenen Völker plötzlich wieder auf sich gestellt. Jetzt vom Staat alleine gelassen, mussten sie sich auf ihre Traditionen, ihr altes Wissen und ihre schamanischen Wurzeln besinnen. Die waren nie ganz fort! Aber nur noch die Alten konnten die Sprache, nur noch einige der Ältesten bewahrten das uralte Wissen des Volkes, einen Schatz, der an immer weniger junge Ewenken weitergegeben werden konnte, weil viele der Indigenen inzwischen assimiliert waren. Und in diese Situation kam Grey Wolf, als er zu seinem Volk, in seine einstige Heimat, zurückkehren wollte. Was er vorfand brachte ihn fast zur Verzweiflung. Denn Armut, Perspektivlosigkeit und Diskriminierung erfuhren die Indigenen Sibiriens genauso wie die First Nations in Kanada und die Native Americans in den USA, bei denen er viele Jahre gelebt hatte!

ethnomap.jpg

Ethnografische Karte Grey Wolf Guruev
bitte anklicken um die Liste der Indigenen Völker auf GWG's website zu sehen

Er sah: die Indigenen Völker Sibiriens würden verschwinden, ihre reiche und vielfältige Kultur sterben, Bräuche, Sprache, Landrechte, Selbstbestimmung und Religion würden ausgemerzt werden bis nichts mehr davon übrigbleibt.

Er konnte nicht bleiben, es war ihm unmöglich. Er war wie innerlich zerrissen und nur seine Kunst - das Malen und Gestalten - gaben ihm Halt. Er beschloss nach Deutschland zurückzukehren, um hier Unterstützung zu bekommen. Mit Hilfe von Freunden und Bekannten erarbeitete er ein Konzept für ein Selbsthilfeprojekt. Hilfe zur Selbsthilfe, ein „ausbildendes Kulturzentrum für die Nordasiatischen Indigenen Völker“. Ein fantastisches Projekt. GWG entwarf alle Häuser, Werkstätten und plante die Ausstattung. Alles sollte einfach und auf Basis traditioneller Handwerkskunst sein. Er schrieb zwei websiten: www.culturecenternorthernasia.org und www.Grey-Wolf-Guruev.com. Eine über sich selbst als Künstler, die auch die Geschichte seiner Leute spiegelte, und eine für das Kulturzentrum, mit umfassenden Informationen über die Ethnografie Sibiriens.

Ich war unglaublich begeistert. Denn den Indigenen Völkern Sibiriens gilt seit meiner frühen Kindheit meine Liebe und mein Interesse und GWG war damals der einzige Mensch, den ich kannte, der ebenso dafür brannte. Dass das Interesse für Sibirische Völker so gering ist, hat Folgen für die Menschen und ihre Lebensweise sowie für die Umwelt. Das Projekt begeisterte mich auch nicht zuletzt, weil ich selbst malte, und weil auch mein Vater ein durch den Krieg entwurzelter Mann ist, der seine kulturelle Identität und Heimat verloren hatte. Dies verband uns irgendwie und ich fand eigentlich alles, was ich selbst liebte - die Bilder, die gesellschaftskritischen Grafiken, touristische Reisen zu Indigenen (ich hatte damals gerade 2 Jahre zuvor mein Reiseunternehmen für interkulturelle Begegnungsreisen zu Indigenen gegründet), die Liebe zu Sibirien, die Liebe zu Märchen und Legenden, und ebenso Schamanismus. Als ich GWG kennenlernte, war es als würde ich etwas wiederfinden. Dennoch blieben wir als Menschen bis zum Schluss distanziert. Was uns verband, war mir wichtig - die Menschen Sibiriens!
Als GWG von Ulan-Ude wieder nach Hamburg zog, ließ er Frau und Kind zurück. Es war für alle 3 unglaublich schwer... Aber er hatte einen Plan und würde zurückkehren, sobald er genug Geld und Hilfsgüter für das Kulturzentrum hatte. Er begann 1996, sogar ein Film, „Wolfsspur“, wurde produziert, der ihn als Wanderer zwischen den Welten zeigt, unterwegs mit der Transsib von Deutschland nach Ulan-Ude und wieder zurück. Der Film zeigt einen Menschen, der seinen Platz gleichermaßen in seinem Volk finden wollte und den Menschen helfen wollte eigenständig leben zu können. 2004 lernte ich ihn in Berlin bei seiner Ausstellung „Art from the Edge of the World“ kennen - da wollte er nochmal alles geben, um das fehlende Geld für das Projekt zu bekommen. Leider klappte es nicht. Zu wenig Interesse hatten die Menschen in Deutschland an der Kultur und den Sorgen der Indigenen Sibiriens! Das große Event, die Ausstellung mit täglichen Veranstaltungen, zog zu wenig Menschen an und scheiterte am Desinteresse der Leute. Wer weiß schon, wie Sibirien ist, ein riesiges Gebiet im fernen Russland, das die meisten mit Gulags und Kälte assoziieren? Wer wusste von dem unglaublichen Reichtum und der Schönheit und Diversität der reinen Natur und wer erinnerte sich damals an den kulturellen Reichtum Indigener Völker wie Ewenken, Ewenen, Nenzen, Itelmenen, Jakuten und Golden, Schoren und Chuktchen, um nur einige der bekanntesten zu nennen.

Wer kümmerte sich um die Indigenen Völker Russlands/Sibiriens? Es war auch eine Frage der Politik - während es mit der Mongolei regen Austausch gab zu Zeiten der DDR, viele junge junge Leute aus der Mongolei zur Ausbildung in Ostdeutschland waren und Arbeitskräfte von hier in die Mongolei gingen, kannte und nannte offenbar niemand die Indigenen Völker Sibiriens. Der Unterschied ist, dass die Mongolen ein eigenes Land haben.

Bis auf wenige Ethnologen und bis auf Schriftsteller*Innen wie Gisela Reller oder Tschingis Aitmatov und Jurij Ritcheju war kaum etwas zu hören. Als Kind hatte ich ein Buch mit dem Titel „Rentiere in Not“, eine kleine Geschichte über Menschen in der Tundra. Sie erzählt von Rentieren einer Kolchose und vom Winter in der Taiga und Tundra. Es geht um Fortschritt und die Schule auf die sich der kleine Junge freut, von dem die Geschichte handelt. Er wird mit dem Flugzeug in die Stadt gebracht werden, zum Schulinternat. Seine Mutter ist fort - mit dem Flugzeug ins Krankenhaus in der Stadt geflogen, denn sie bekommt ein Kind. Es ist eine russische Geschichte, die Zugehörigkeit der Menschen zu einem anderen Volk spielt keine Rolle mehr und ihre Kultur und ihr Wissen auch nicht, kaum... Dass die Menschen darunter litten, wurde natürlich nicht erwähnt! Selbst Folkloregruppen, die als Bewahrer des Kulturgutes erlaubt waren und sogar gefördert wurden, kamen kaum bis nach Europa. Hier galt all dies als russisch. Mein Lieblingsbuch ist allerdings viel Älter: „Dersu Usala“, Dersu Usala war ein Nanaier/Golde aus dem Russischen Fernen Osten, im Gebiet des Ussuri-Flusses. Er wurde durch den russischen Entdecker Wladimir K. Arsenjew literarisch unter anderem im Buch Dersu Usala, der Taigajäger verewigt. Seine beeindruckende Lebensgeschichte wurde mehrfach verfilmt.

arts1_2011-gwg-klein.jpg

kleine Skulpturen von Grey Wolf Guruev


Grey Wolf kannte offenbar alle Leute und Organisationen, die in Deutschland Rang und Namen hatten im Zusammenhang mit Indigenen Völkern Russlands, und viele unterstützten ihn. Aber irgendwann, an irgendeiner Stelle blieb dann alles stecken. Warum haben wir im Laufe der Jahre auch selbst erfahren. Es gibt mehrere Gründe und egal wieviel Herzblut, Leidenschaft, mühsame Arbeit, Zeit, Geld, Energie und auch Hartnäckigkeit man in eine Sache steckt - es hängt nicht alles DAVON ab, ob ein Projekt erfolgreich umgesetzt wird. Bei GWG lag es letztlich sicher auch an seiner Mentalität und seinem Charakter - denn ein entwurzeltes Kind das mühsam seine Identität sucht, ein Künstler, der genial war - was Günter sofort erkannte als wir ihn das erste Mal besuchten, aber sich auch selbst jede Menge Steine in den Weg legte, was auch seinen Erfolg blockierte. Er machte es sich eben nicht leicht. War sein Vorhaben vielleicht zu groß?

Der Hauptgrund dafür, dass Grey Wolf das Selbsthilfeprojekt zu seinen Lebzeiten nicht realisieren konnte lag darin, dass Russland ihm die Einreise mit den Hilfsgütern damals nicht erlaubte, ihm keinen Platz für das Kulturzentrum geben wollte - so dass GWG gezwungen war ins Nachbarland Mongolei auszuwandern um wenigstens in der Nähe seiner Leute sein zu können. Hier kannte er sich auch gut aus. Mongolen und Burjaten sind verwandte Stämme und Ewenken lebten ebenfalls immer in dieser Region. Und - er hatte das Versprechen eines mongolischen Ministers, sein Projekt verwirklichen zu können. Auf diesem Grundstück, das ihm damals am Khuvsgulsee zugewiesen wurde, lebte GWG von 2006 bis März 2012. ... Und 2011 hatten wir ihn dort besucht, Günter und er schlossen sofort Freundschaft und vor allem: Grey Wolf vertraute Günter sofort zutiefst. Sobald wir nach Hause zurückgekehrt waren, schrieb ihm Grey Wolf seine große Frage, eher eine Bitte: würdest du dafür Sorge tragen meine Sachen zu bewahren und mein Testament zu verwirklichen? Der damals knapp 70jährige war munter und kräftig. Jedoch hatte ihn seine Zuversicht verlassen und er war müde. Im März 2012 starb er allzu plötzlich und hinterließ 2 große Jurten, 3 große Container voller Material für das Kulturzentrum und eigener Kunstwerke, Werkzeuge, seinen Hausrat, eine große Büchersammlung, eine umfangreiche Videosammlung und einiges mehr. Wir mussten dieses Grundstück räumen. Es stand nicht mehr für das geplante Kulturzentrum noch für ein Museum zur Verfügung!

Und deswegen waren wir jetzt unterwegs am Baikalsee.

Der Spirit des Baikalsees

Vor der Reise war ich bei einem Schamanen in Deutschland. Auf meiner ersten schamanischen Reise, die ich mit seiner Hilfe am 17. Mai 2012 antrat, also wenige Tage vor unserer Abreise nachSibirien, fragte ich nach dem richtigen Platz und den richtigen Menschen, zu denen Grey Wolf’s Werke gebracht werden sollten. Sie führte mich zu dem Platz auf Olkhon, dem einen Platz an dem wir das Museum aufbauen könnten und für den wir ein Angebot hatten! Ich erfuhr etwas Erstaunliches: an dem Platz, an dem wir das Museum hätten bauen können - er lag auf einem flachen Hügel mit Aussicht auf den Baikal - sah ich deutlich Schlamm, Morast, und ein Fisch, ein schöner goldroter Fisch zappelte in diesem Schlamm. Er schlug mit der Schwanzflosse und konnte sich sonst nicht bewegen. Er steckte fest. Die Botschaft hieß für mich, dass sich hier kein Museum erfolgreich aufbauen ließ. „Das Wasser der Volksseele fehlte.“ Im Schlamm stagnierte alles.

Wo aber ist dieses Wasser? Die schamanische Reise führte mich weiter nach Norden, wo es viel Wald und fließendes Wasser gab. In das ewenkische Dorf. ... (das Alla gewesen sein musste). Dort „sehe“ ich im traditionellen sibirischen Haus, das wohl das Ewenkische Kulturzentrum Alla sein sollte, Grey Wolf’s Skulpturen und seine Werkzeuge und Figuren.

Auf Olkhon „sehe“ ich die Bilder, die Seelenvögel und das Fisch-Museum aus hellem Holz, nicht bunt, nicht so lang, sondern kompakter. Auch das Ger soll dorthin. Warum das so erstaunlich war, klärte sich ja später auf Olkhon beim Gespräch mit Vladimir Tichonov. Und der Fisch, der im Morast auf Olkhon zappelte, blieb die Hauptbotschaft die mir diese schamanische Reise schenkte. Und diese Botschaft warf die Frage auf: Würden wir einen Platz für das Museum finden und weiterplanen können? Wo sollte dieser Ort sein?

insel_olkhon_baikalsee_gudrunwippel_kiaorareisen.jpg

Schamanischer Platz auf Olkhon im Baikalsee_GudrunWippel

Der Fisch sollte uns übrigens noch öfter begegnen... überall auf unseren Reisen in dieser Mission und in dieser Region. Er gehört zu der Region, der Omul gehört zu den wichtigsten und heiligen Tieren der Indigenen am Baikalsee und er spielt in den Legenden und im Leben der Menschen eine große Rolle.
Auch GWGs hatte das Museumsgebäude nicht ohne Grund als Fisch geplant und hatte dazu eine präzise Zeichnung angefertigt! Das Museum in Form eines Fisches, eines Omul, wie geschaffen für die Nähe zum Baikalsee.

Erkundungen und Begegnungen in Ulan-Ude

Aber zurück zu unseren Erlebnissen am Baikalsee und in Ulan-Ude 2012!

Wir wollen natürlich „seine Leute“ kennenlernen, von denen Grey Wolf immer gesprochen hatte. Aus dem Notiz- und Adressbüchlein von GWG wussten wir von einem Ewenkischen Radiosender in Ulan-Ude. Nara machte uns den Kontakt und wir sprachen einen Termin ab. Sie ging mit, um das Interview mit der ewenkischen Dame zu übersetzen. Wir stellen Grey Wolf’s Projekt und seine Werke vor und sie war beeindruckt. Sie versprach uns zu helfen.

Aus unserem Tagebuch:
22.5. Ulan-Ude:
Treffen mit der Ewenkischen Frau vom Evenk. Radio im Rundfunk Burjatiens.
Sie sagt, dass es eine Organisation in Alla gibt, sie interessiert sich für unser Vorhaben, sie wird sich die DVD ansehen, die wir ihr geben. Sie hat meine Kontaktdaten (Karte). Und sie wäre interessiert an einem Interview für die ewenkische Radiosendung mit uns.

Kurz danach besuchen wir das Ewenkische Museum in Ulan-Ude, ein privates Museum, gegründet von einem Ewenken, der hier lebt und durch Nephrit ein bisschen zu Geld gekommen war. Er war Unternehmer und damals war es noch möglich - oder wieder möglich - die Bodenschätze auf Ewenkischem Boden gehörten auch den Ewenken! Die Zeiten wandelten sich innerhalb kurzer Zeit - die traurige Geschichte war, dass er später alles verlor, weil Russland erklärte, Bodenschätze gehörten dem Staat. Es ist verwirrend, da Burjatien ein Burjatischer Bundesstaat in der Russischen Föderation war. Aber Ewenken sind nun mal keine Burjaten. Es gibt eine bitterböse und sehr eindeutige Grafik von GWG: der Russe (als Mehrheitsbevölkerung, die Regierung über die Russische Föderation und Macht..., ist sehr groß und blickt auf den Burjaten herab, der aber blickt auf den Ewenken herab. Und dies - von außen nicht sichtbar - bekamen wir auch während dieser Reise mit...

ewenkisches_museum_uu_gudrunwippel_kiaorareisen.jpg

Ewenkisches Museum Ulan-Ude 2012_Gudrun Wippel

Aus unserem Tagebuch:
Treffen mit Maria vom privaten ewenkischen Museum in Ulan-Ude, das ein wohlhabender Ewenke, Geschäftsmann, initiiert hat: Das Museum befindet sich in einem Bürogebäude in Ulan-Ude, nicht direkt im Zentrum. Wenn man nicht weiß wo es ist, ist es sehr schwer zu finden, auch Nara geht mit uns zuerst woanders hin. Maria, sehr nette ältere Ewenkin, führt uns. Vitrinen mit sehr guten schönen Exponaten, ein Musikinstrument, schamanische Gegenstände, Zelt und Sommerlager aufgebaut…, die Frau erklärt und Nara übersetzt uns.

Es gibt noch einen zweiten Raum der gerade erst ausgestattet wird.

Auf dem Flur: Fototafeln, Karten, ...

Beim Radio war unsere Stimmung noch super gewesen, wir waren sehr zuversichtlich und freuten uns sehr über das große Interesse. Es würde weitergehen! Im Ewenkischen Museum bekamen wir eine umfassende Führung von Maria B., die uns die Exponate aus dem Leben und aus der Geschichte der Ewenken zeigte, Geschichten erzählte und sich freute, dass wir uns für das Museum interessieren.

Dieses wundervolle Museum existiert heute nicht mehr, es fiel der Willkür der Behörden zum Opfer. Andernfalls würde ich es hier unbedingt empfehlen!

Aus unserem Tagebuch:

23.5. - Fahrt zum ethnografischen Museum bei Ulan-Ude mit dem Bus.
Im Museum kurzer Termin bei der Museumsdirektorin, die Nara kannte, aus der Museumsarbeit. Keine Führung.
Direktorin war relativ neu, die Stellenbesetzungen sind kurzfristig, wie wir hören.
Die Direktorin war nett und aufgeschlossen und äußerte Interesse an 2-3 Stücken von GWG. DAS ist wenig und letztlich nicht förderlich.
Es war bekannt, dass ein Brief (oder mehrere) von GWG vorlagen, die wir aber nicht sahen (sei es von früher, sei es von letztem Jahr???)
Das Museum ist schön und macht einen guten Eindruck auf uns.
Schöne Gebäude, russisch, burjatisch und ewenkisch
Der ewenkische Teil ist klein aber nett, es arbeiten auch Leute dort.
2 Chums, offen, aber überdacht, ein Bereich mit Schamanen-Chum und -platz, der Fisch kommt vor (Eingang des Chums) und Seelenvögel, Tierdarstellungen aus Holz usw.
Einrichtungen in den Chums
Überdacht: Schlitten, Geräte und Gefäße aus Birkenrinde
Hochgestell aus Holz für Vorräte, Boote (Einbaum, auch überdacht) usw.
- vor dem Bereich für die Ewenken ein Birkenwäldchen, klares Bächlein...
- schön auch der Burjatische Bereich: Jurtas / Jurten aus Holz, blockhausartig, achteckig, so ähnlich wie Hogans der Navajos aufgebaut und ausgestattet, mit Feuerstelle (eckig) in der Mitte und 
sorgfältig eingeteilten Wohnbereichen, innen 4 Stützpfeiler.


Tiere! (schlechte Situation: z.B. Tiger, Bären im engen Käfig, ebenso Greifvögel!!! usw.)

Ein kleiner Ausflug mit dem Linienbus bringt uns am nächsten Tag zusammen mit Nara und der Tochter Genia aus der Stadt Richtung Baikalsee - wir steigen in einem waldigen Gebiet außerhalb von Ulan-Ude aus und laufen die paar Schritte bis zum größten Burjatischen Freilichtmuseum, dessen Besuch ich Ihnen, liebe Leser, sehr empfehle!

ethnografisches_museum_uu_gudrunwippel_kiaorareisen.jpg

Ethnografisches Freilichtmuseum Burjatien_Gudrun Wippel_KiaOraReisen

Es ist beeindruckend - eine große Sammlung an historischen sibirischen Holzbauten im Russischen Stil ebenso wie im Burjatischen Stil. Die traditionellen burjatischen Yurtas sind aus Holz und haben in der Mitte eine Feuerstelle. Sie sind achteckig und nur durch das Rauchloch oben und durch die Tür fällt Licht herein. Ich hatte diese Häuser bisher nie gesehen, außer auf Grey Wolf’s website.
Wohl in der hintersten Ecke des Museums liegt der Ewenkische Teil mit einfachen Holz-Tipis (Chum), Seelenvögeln auf Pfählen aus Holz und zur Zierde große geschnitzte Holz-Fische. Wir ahnen natürlich, dass die Fische eine weit größere Bedeutung in der Ewenkischen Tradition haben als zur Zierde zu dienen. Dieser Fisch wird als heilig verehrt, der Omul, eine endemische Lachsart der Baikalregion (er kommt auch im Khuvsgulsee in der Mongolei vor, der mit dem Baikal verbunden ist) und die Menschen hier seit Urzeiten ernährt. An dieser Stelle des Freilichtmuseums fließt ein kleines Bächlein und hier befindet sich auch der Tierpark - mit den Tieren Burjatiens - einer Steppen- und Waldregion. Kamele, Bären, Yaks und Rinder leben hier mehr schlecht als recht in den Gehegen, sogar ein Tiger. Wir vermuten, dass diese Tiere hier eine letzte Heimat gefunden hatten, wie in einem Tier-Asyl.  

Wir stellen der Direktorin des Museums, bei der wir einen Termin bekommen hatten, GWGs Sachen und Projekt vor. Sie ist sehr zurückhaltend, aber, ja, sie würden gerne etwas nehmen, einige interessante Stücke von Grey Wolf’s Kunstwerken, die er selbst geschaffen hatte, und dann vielleicht einen Weg finden, diese Sachen auszustellen. Das ist uns zu unbestimmt und zu unverbindlich. Wir sehen auch, dass es für diese Sachen keinen Platz im Museum gibt, sie würden irgendwo in den Kellern abgestellt werden und dort vielleicht in Vergessenheit geraten. Wir sind skeptisch. Zumal die Museums-Direktorin nicht lange hierbleiben würde, es war ein Stellenwechsel vorgesehen. Wir wussten vorher, dass GWG auch hier im Museum gewesen war, persönlich bekannt war und gefragt hatte, ob er hier arbeiten und leben könne. Auch in seinem Film „Wolfsspur“ ist eine Szene in dem Museum zu sehen und wir kennen den Brief, den er ans Museum geschrieben hatte und den er mir als Kopie geschickt hatte, damit ich dort - zu seinen Lebzeiten - für ihn nochmal ein unterstützendes Schreiben einreichen konnte, das jedoch auf kein Interesse stieß. Warum erfahren wir nicht bei diesem Termin, offenbar hatte die Museumsleitung gewechselt.

Was ist hier los? Wo ist das Interesse für die Ewenken?! Was oder wen stellt dieses Indigene Volk hier dar? Eine Minderheit? Wohl nicht die Urbevölkerung der Region, der Respekt und Anerkennung gebührt! Aber vielleicht sind die Menschen einfach nur unverbindlich und träge?

Knappe Freizeit

In unserer knappen freien Zeit zwischen den Terminen bummeln wir durch Ulan-Ude, finden ein wunderschönes kleines Café, das Dacha (in Anlehnung an das Sacher?) am großen zentralen Platz auf dem der gewaltige Kopf Lenins thront. Und wir essen wie die Burjaten in der Cantina zu Mittag. Ein Bummel durch die Stadt lohnt sich, Ulan-Ude ist eine schöne Stadt und sieht gepflegt aus. Cafés, Restaurants, Museen und viele schöne Plätze laden zum Verweilen ein. Die Hauptstadt Burjatiens ist eine entspannte Stadt, freundlich und hell.

Wir besuchen das alte Stadtviertel wo ich damals mit meiner Tochter auf der Durchreise in die Mongolei einen Tag und eine Nacht Station gemacht hatte. Das Hotel Geser ist noch da, natürlich, eines der besten Hotels in ruhiger Lage, und in der Nähe der Altstadtsiedlung mit historischen russischen Holzhäusern. Wir finden den Hafen an der Selenga und Uda (die beiden Flüsse fließen hier zusammen) und gehen in der Altstadt in der Einkaufsstraße spazieren. Hier das Heimatmuseum, dort die Markthalle und das Kaufhaus, Konditoreien und Boutiquen... Am Marktplatz warten wie schon damals, 2005, die Pferde-Kutschen auf Touristen und den Boulevard schmückt ein Brunnen mit einem Skulpturen-Ensemble aus Fischen.

burjatisches_altstadthaus_uu_gudrunwippel_kiaorareisen.jpg

historisches Holzhaus in der Altstadt von Ulan-Ude, Burjatien_Gudrun Wippel

Nur eines finden wir 2012 nicht mehr. Das Wahrzeichen, die Burjatin, die 2005 noch vor dem Theater gestanden hatte. Das Stadtviertel am Theater war damals noch nicht fertig, jetzt befindet es sich fast in der Mitte der Stadt, die sich ausgebreitet hat. Die Statue entdecken wir später an der Selenga-Brücke, an den Toren von Ulan-Ude.

Abends kochen wir mit Tuya in ihrer kleinen Wohnung. Über dem Tischchen in der Küche hängt ein Bild, das sie aus Leder angefertigt hatte: Ein rot-goldenes Fisch-Pärchen!

Wir freuen uns unglaublich über das leckere burjatische Essen, das so ähnlich dem Mongolischen Essen ist, das ich liebe. Burjaten sind ein mongolischer Stamm und waren einst ein ebensolches Reitervolk wie die Mongolen, die heute in der Mongolei leben. Nur noch wenige Burjaten haben Pferde oder Kamele, kaum einer lebt noch in einer Jurte. Aber einige Burjaten leben in der nördlichen Mongolei. Denn Burjatien grenzt im Süden an die Mongolei und auch die Sprache ist so ähnlich, dass sich Nara mit den Mongolen verständigen kann. Wobei beide - Mongolen und Burjaten - auch Russisch sprechen.
Zwischen den Terminen sind wir auch immer wieder bei Nara im Museum. Wir wollen nach Alla und wir bereiteten unsere Gemeinsame Reise zu Alexei nach Irkutsk und zur Insel Olkhon vor. Denn Nara, Tochter Genia und Tuya wollen uns begleiten. Am Abend besteigen wir gemeinsam den Nachtzug der Transsib nach Irkutsk.

Der Baikal

Wir besteigen am Abend den Zug der Transsibirischen Eisenbahn und los geht es Richtung Irkutsk.

Wie wird es sein, das erste Mal am erhabenen Baikalsee zu stehen? Der heilige Baikal, das Meer Sibiriens - ein See der Superlative! Der Baikalsee ist nicht nur der tiefste See der Erde sondern mit 25 Mio Jahren auch der älteste See, und weil er der wasserreichste Süßwassersee auf unserem Planeten ist, wird darauf geachtet, dass er sauber gehalten wird. ...

Aus unserem Tagebuch:
Ankunft am Morgen, 24.5., und Treffen mit Alexei, der uns vom Bahnhof abholt,
Transfer zur Wohnung (homestay bei Gastgeberin Natascha)
Frühstück, 'Lagebesprechung' und Abfahrt zum Museum Taltsy
unterwegs Erläuterungen von Alexei zu Irkutsk, zum Baikal-Highway und anderem...

Das Frühstück muss ich beschreiben - es gibt alles was das Herz begehrte und das ist echte russische Gastfreundschaft: Eier, Brot, Wurst, Marmalade und frischer Kaffee. Und das beste: frische Blini (russische Pfannkuchen) mit hausgemachter Marmelade und Sahne!

Das erste Ziel heute ist das Taltsy-Museum, größtes Freilichtmuseum Sibiriens. Wir fahren aus Irkutsk raus über den Baikal-Highway Richtung Baikalsee. In den Vorgärten der kleinen sibirischen Siedlungen der Irkutsker Vororte sprießt das erste Grün und die Sträucher beginnen zu blühen.
Der Besuch des Taltsy ist eines der Highlights am Baikalsee und gehört zu jeder Sibirien-Reise! Dem Direktor des Museums hatte Alexei unsere Präsentation gezeigt und er war so begeistert von den Werken des Künstlers Grey Wolf Guruev, dass er sofort bereit war zu helfen! Unglaublich! Die mit Spannung erwartete Begegnung mit dem Mann ist etwas hektisch, denn Vladimir ist in Eile! Ein vielbeschäftigter und energiegeladener Mann. Er begrüßt uns am Tor und schickt uns erstmal auf Besichtigungstour. ... Er stellt uns eine fachkundige Museumsführerin zur Seite, die uns alles zeigt und erklärt.

Der Park an der Angara und am Ufer des Baikal ist wirklich groß und präsentiert ganze Dörfer mit Festungen und einer Kirche, Häuser, die die typische russisch-sibirische Architektur zeigen, die Geschichte von der Erkundung Sibiriens und Errichtung der ersten Festungen und Siedlungen sichtbar und fühlbar zu einem Erlebnis-Rundgang macht.

ewenkisches_boots-und_vorratshaus_taltsy_gudrunwippel_kiaorareisen.jpg

Ewenkisches Boots- und Vorratshaus_Taltsy Freilichtmuseum_Gudrun Wippel

Eine Mühle mit Wassersystem beeindruckt uns am meisten, obwohl die historische Holzkirche und mehrere Holzhäuser mit kompletter Inneneinrichtung ganz sicher wertvoller und schöner sind, aber die Mühle zeigt etwas authentisches aus dem Leben der frühen Siedler. Und am meisten zieht mich natürlich das ethnologische Dorf der Ewenken an, das hier nachgebildet ist, aus historischen Chums und Hütten aufgebaut, mit den Seelenvögeln und den großen Fischen als Schutz für die Gemeinschaft und mit alten Handwerkszeugen, Schlitten, ... usw.
Das Dorf befindet sich inmitten eines lichten Birkenwäldchens, zwischen den Birken beginnen die großen sibirischen Azaleen zu blühen, wunderschön. Sibirien.

Wir bemerken, dass das Ewenkische Dorf im Freilichtmuseum von Burjatien vergleichsweise größer und schöner ist, besser und liebevoll bis ins kleinste Detail ausgebaut.

Inzwischen hatte Vladimir im Haupthaus im Seminar- und Besucherraum ein köstliches Mahl mit frischen Blini mit Honig und Sahne für uns vorbereitet! Beim Essen erzählt er uns etwas über das Museum, das Gelände auf dem er es erbaut hatte, die Legenden und Besonderheiten und Kunstobjekte, die hier standen. Beeindruckend!
Hier könnten z.B. im Archiv die Sachen von GWG zwischengelagert werden...

Aus unserem Tagebuch:
Wir fahren weiter nach Listvjanka,
dem alten Fischerdorf und heute wohl berühmtesten Touristenort am Baikalsee. Der Baikalsee, klares Wetter, wunderschön, schneebedeckte Gipfel am anderen Ufer,
Angara (wir Hören von Alexei eine Legende)
Er zeigt uns ein schönes Hotel und Restaurant
dann Baikalmuseum - sehr sehr gut, Baikalrobben
Markt (sehr touristisch, aber ganz o.k.)
Essen im klasse Fischrestaurant, komplettes Menü und natürlich Vodka,
auf Einladung von Alexei, wir sprechen ein bisschen,
leiten so aber die 'geschäftliche' Beziehung ein...
der Omul und alles andere schmeckt vorzüglich : )

anschließend Rückfahrt nach Irkutsk
Nara, Genia und Tuya fahren heute wieder zurück nach Ulan-Ude.

Wir ruhen uns aus und gehen abends am Ufer der Angara spazieren - einer der schönsten Orte in Irkutsk, das manche schwärmerisch als „Perle Sibiriens“ oder als „Paris Sibiriens“ bezeichnen.
Wir übernachten in Irkutsk nochmal bei Natascha und brechen am nächsten Morgen mit Alexei und Vladimir zur Insel Olkhon auf. Der definitiv aufregendste und spannendste Teil unserer Reise auf den wir nach wie vor die größten Hoffnungen setzen! Aber nicht nur das. Die Insel Olkhon ist für mich ein Sehnsuchtsort seit vielen Jahren. Sie ist der Inbegriff des Baikal, eine heilige Insel und einer der größten Kraftorte am Baikal. Olkhon ist dünn besiedelt und hat nur wenige kleine Orte. Mit diesem ersten Besuch der Insel Olkhon geht für mich wirklich einer meiner größten Träume und Wünsche in Erfüllung!

Aus unserem Tagebuch:
nächster Morgen, 25.5., 7:30 Frühstück (Natascha: „der Weg ist weit und anstrengend, man muss gut essen!“)
8:00 Uhr Abfahrt mit Dr. Vladimir zur Insel Olkhon

Wetter gemischt, sonnig...
Unterwegs geht es vorbei an Dörfern, 
Halt an einer Heiligen Stätte der Burjaten, hinter der sich eine schöne neue Landschaft öffnet, raus aus der Stadt und den besiedelten Gebieten in Natur mit viel Wald, Hügeln, 
wie ein Tor wirkte das

Essen (Buuts und Tee) in einem Dorf/Restaurant an der Straße

fast angekommen an der Insel - ein Dorf, Elantsy, in dem Vladimir von der Verwaltung die Papiere abholt, die er für die Verfügbarkeit des Grundstücks braucht.
Sehr schöne Gegend, Berge, Fluss, Sumpf - von Bergen umgeben... hübsches Dorf

Fähre, 1 Std, warten, Kuchen essen :)
dann Übersetzen mit der Fähre zur Insel Olkhon


Legende von den 'Sündensteinen', die die Männer, die gesündigt haben den Berg raufschleppen 'mussten'.

Es ist überwältigend. Wir sind überwältigt von der Schönheit und Größe des Baikal. Ich bin überwältigt davon, hier sein zu dürfen. Was für ein Glück, was für eine Freude! Dennoch fühlt es sich für mich selbstverständlich an, nicht fremd, sondern irgendwie vertraut. Und das liegt sicher an der grandiosen Natur, an diesen Landschaften und der sanften Frühlingsstimmung. Die Spannung rührt wohl vor allem von dem Grund unserer Reise nach Olkhon her. Durch Vladimir fühlen wir uns wie zu Hause. Wir sind in seinem Haus, in seiner Datscha, willkommen. Ein bescheidenes kleines Häuschen auf der Insel Olkhon am Rande einer kleinen Siedlung. Die Häuschen hier dürfen nicht größer sein, dazu gibt es strenge Vorschriften, denn die ganze Insel ist geschützt und soll erhalten bleiben wie sie ist. Keine großen Häuser, keine großen Hotels... - und wir hoffen, dass das immer so bleiben mag! Denn Neubauten und große Hotels oder gar Feriensiedlungen würden alles zerstören, was diesen heiligen Ort ausmacht. Olkhon, das ist nicht nur einer der größten Kraftplätze am Baikalsee, es ist nicht nur der Ort der Schamanen und Geister der Burjaten und Ewenken, sondern es ist auch ein Stück Kulturgut und Naturerbe. In den kleinen Orten wie Khushir und Chalgai leben vor allem Künstler und Alteingesessene.

Die Natur ist überwältigend - schön. Wir haben so ein Glück, denn das Wetter ist klar und sonnig. Es ist zwar noch kühl, aber wir haben während des ganzen Aufenthaltes klare Sicht! Fantastisch, denn das ist nicht allzu oft der Fall - nur im Frühjahr und im Herbst kommt es oft vor, im Sommer ist es häufig neblig.

Wir genießen wundervolle Ausblicke auf die schneebedeckte Bergkette am Nordufer und über den ganzen See - bis zum Horizont. Wundervolle Farben überall. Blauer Himmel, weiße Wölkchen, der tiefblaue See, der auch in Grüntönen schimmert und dahinter die weißen Schneegipfel auf dem dunklen Ufer. Die weißen Felsen, von roten Flechten überzogen - auch eine Besonderheit, die es nur am Baikalsee gibt, machen einen zauberhaften Eindruck vor den intensiv leuchtenden Farben des Baikalsees.

Aus unserem Tagebuch:
Weiterfahrt nach Khushir, ...Besuch des Schamanenfelsens - wunderschön, mit wunderbarem Blick auf Insel und Baikalsee, auf eine weiße Sandbucht hinter Khushir usw. ein ganz besonderer Ort.

Weiterfahrt nach Chalgai, dem Ort mit 12 Burjatischen Höfen/Haushalten, ehemals mehr, wo Dr. Vladimir sein Landhäuschen hat. Daneben zeigt er uns gleich das Stück Land, das für das Museum zur Verfügung stehen wird.
Mehr wird darüber an diesem Tag nicht gesprochen.
Wir sind aber eingeladen - hier zu wohnen für die nächsten 2 Tage, zu essen, mit den beiden gemeinsam und das ist wirklich sehr nett, freundlich, lustig und - einfach unkompliziert.
Wir sprechen über dies und das und hören viel von den beiden, Alexei und Vladimir, was natürlich vertrauensbildend ist.
Das Haus ist hübsch, ein traditionelles sibirisches Holzhaus.

p1040877.jpg

Hof auf Olkhon Baikalsee_Gudrun Wippel


Erkundungstour zu einem heiligen Berg, oben geht eine Hütte steht, an der er manchmal meditiert. Ein geheimer Kraftplatz.
Viele Blumen...Küchenschelle und kleine gelbe Iris - der Frühling hat auf Olkhon Einzug gehalten.
Sibirischer Lärchenwald.
Wir besuchen die 'wandernden Bäume' uralte sibirische Lärchen am Baikalufer und
einen bedeutenden schamanischen Platz, der für Treffen und Zusammenkünfte, Rituale und Feste da ist.
Auch sehr besonders!

Wasser holen aus dem Baikalsee, eine Schlucht zum Baikalufer hinuntergehen zwischen weißen Felsen, die mit roten Flechten bewachsen sind - wunderschön. Die Wiesen blühen...

Abends essen wir gemeinsam. Die beiden Männer geben immer wieder Trinksprüche zum Besten und wir lassen uns auch einige einfallen. Die beiden horchen auf das, was ich sage, denn ich bin beeindruckt vom Baikalsee, von den Menschen und von der Insel Olkhon - und natürlich auch davon, dass wir einfach so selbstverständlich hier sein dürfen. Ich bin voller Zuversicht.

Es ist eine entspannte Situation mit viel gegenseitigem Vertrauen, mit großzügiger Gastfreundschaft - typisch russisch und dennoch russischer Distanziertheit. Die russische Mentalität ist „anders“ und es ist schön und spannend, dies zu erfahren.

Am nächsten Morgen, dem 26.5. fahren wir nach dem Frühstück zum nördlichsten Teil der Insel. Das Wetter ist herrlich, sonnig, warm, blauer Himmel, klar!
Es ist mein Geburtstag.

Wir fahren über das nördlichste Dorf, unterwegs sehen nur einzelne sehr wenige Höfe,
und ein kleines Dorf - ein ehemaliges Arbeitslager (Gulag), erklärt uns Vladimir.

Dahinter beginnt der Wald, eigentlich ist die Insel an der Nordwestseite nicht bewaldet, eher Steppe, aber an der Südostseite ist viel Wald: Kiefernwald, hoher Lärchenwald, mit vielen Blumen und Azaleen (sibirischer Rhododendron). Wir kommen an eine Steilküste, die sehr sandig ist und Vladimir und Alexei begleiten uns vorsichtig hinunter an den schmalen Baikal-Strand. Hier gibt es 2 Stätten von archäoloigschem Interesse, Reste von Siedlungsgebieten, erfahren wir. Wir finden Keramikscherben, einige können wir mitnehmen, und ich finde eine Pfeilspitze, die Vladimir sofort an sich nimmt. Muss wohl ein seltener Fund von etwas Bedeutung sein - oder hatte er die für uns zuvor abgelegt?

Die Nordspitze der Insel ist wunderschön, sehr beeindruckend, eine immens hohe Felsküste, von altne sibirischen Lärchen bewachsen, die an vielen Stellen einen phantastischen Blick auf den Baikal freigeben. Es ist ein alter und bedeutender heiliger Platz.
Während wir gemeinsam meditieren kommt Wind auf.
Es ist ca 10 Uhr und die ersten Touristengrüppchen, noch wenige zum Glück, zeigen sich in der Ferne. Wir gehen zurück.
In der Sommersaison kommen ca 30 - 50 Autos täglich auf die Insel und Tausende Menschen. Soweit ist es jetzt noch nicht, jetzt Ende Mai ist alles noch ruhig auf Olkhon.

Wir besuchen den Fruchtbarkeitsort - auch ein Heiligtum der Ewenken und Burjaten.

olkhon_nordkap_khoboy_gudrunwippel_kiaorareisen.jpg

Kap Khoboy_Nordspitze Insel Olkhon Baikalsee_Gudrun Wippel Kia Ora Reisen


Auf der Rückfahrt sehen wir eine freilaufende Pferdeherde... und einige wenige Mountainbiker...

Beim Mittagessen draußen unter dem Dach neben dem 'Aussichtsturm' in Vladimirs Grundstück sprechen wir das Projekt an, das Museums-Projekt und endlich kommt ein Austausch darüber zustande!  Das ist typisch russisch. Man fällt nie mit der Tür ins Haus, erst sind Freundschaft und Vertrauen wichtig. Man nimmt sich Zeit füreinander und auch wenn man ein Geschäftsgespräch führt steht das Geschäftliche nicht im Vordergrund - scheinbar. Niemals darf man dies mit Gleichgültigkeit verwechseln, in Russland gehört es sich einfach nicht, direkt über Geschäfte zu sprechen.

Nun erfahren wir: Vladimir stellt sein 2. Grundstück für das Museum zur Verfügung, er will es nicht verkaufen, sondern auf diesem Grundstück könnte das Museum aufgebaut werden.
Mit Planung und Behörden, Genehmigungen usw. will er lieber nicht viel zu tun haben.
Das Konzept werden wir wohl bringen müssen, auch die Finanzierung.
Große Gebäude können nicht hierher, Vorschlag: mehrere Jurtas (burjatische 8-eckige Holzhäuser) aufzubauen. Ja, das können wir uns gut vorstellen.
Nicht möglich sein wird ein Gebäude in Form eines großen Fisches wie von GWG gewünscht und entworfen. 
Das ist zwar eine gute Idee aber nicht umsetzbar, zumindest nicht so, denn es ist viel zu groß und Gebäude auf Olkhon unterliegen strengen Größenvorgaben und auch die Form des Gebäudes muss regionaltypisch sein. Wir finden das natürlich vollkommen in Ordnung.
Wir besprechen, wie wir trotzdem die Idee vom Fisch einbringen können, evtl. auch so, dass man 'von oben' einen Fisch sieht, als Silhouette oder Dachform - wie auch immer.
Wir sprechen so gründlich wie möglich darüber und greifen immer wieder unsere / GWG's Fragen, Ideen und Vorstellungen auf. 
Machbar wäre das Museum schon dieses Jahr.
Alexei sagt uns, dass mit dem Bau im Juli begonnen werden kann und im August könnte es fertig sein.

Dieser Tag ist unglaublich schön - warmes, sonniges Wetter, es ist fast heiß.

Später wird es wolkig...
Das Grundstück wird gemeinsam ausgemessen.
Abends kocht Vladimir für uns besonders gut, es wird getrunken, angestoßen und
gesungen!
Draußen ist es windig, fast stürmisch, der Himmel ist bedeckt von Wolken und es ist kühl geworden. Wechselhaft ist das Wetter am Baikalsee.

Am nächsten Tag, 27.5., treten wir gegen Mittag die Rückfahrt an.
Günter und ich spazieren vorher noch zur Küste.
Kühl, windig, aber sehr schön!


Am nächsten Tag treten wir die Rückreise mit der Transsib von Irkutsk nach Ulan-Ude an. Mit sehr gemischten Gefühlen. Und vielen Gedanken, die wir erstmal ordnen müssen.

Die Fahrt mit dem Tageszug ist ein besonderes Erlebnis, fährt man doch eine längere Zeit direkt am Ufer des Baikalsees entlang. Das ist sehr empfehlenswert für alle die eine Reise an den Baikalsee planen. An einem Bahnhof wird frisch geräucherter Omul angeboten und natürlich kaufen wir für unser Mittagessen welchen. Die Schaffnerin bringt heißen Tee und auch Bier. Es ist ein richtig köstliches Mahl.

tee-in-der-transsib.jpg

Bahnreise Russland - in der Transsibirischen Eisenbahn mit Russischem Tee
Bahnreise Russland - in der Transsibirischen Eisenbahn mit Russischem Tee
Russischer Tee gehört zu jeder Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn in Russland

Auch in Ulan-Ude ist die Stimmung jetzt eine andere. Nara ist zurückhaltend. Weitere Termine mit der Frau vom Ewenkischen Radio und dem Museum kommen trotz unserer Bemühungen erstmal nicht zustande. Wir lassen nicht locker und bleiben hartnäckig mit unserer Bitte, uns dabei zu helfen, nach Alla im Barguzintal zu fahren. Also gut - da Nara arbeiten muss haben wir einen Termin mit einer Ewenkin, die aus Alla kommt, bei Nara im Museum. Die Ewenkin Elena soll uns begleiten und auch die Bustickets für morgen kaufen. Abfahrt 8 Uhr vom Busbahnhof. Die Fahrt würde 7 Stunden dauern.
Nara begleitet uns morgens zum Busbahnhof, dazu hat sie extra mit in der Wohnung ihrer Schwester übernachtet. Sie fühlt sich verantwortlich und will, dass alles gut wird.

Der Bus ist für 8:00 Uhr gebucht, jetzt ist es erst 7 Uhr und wir sind fast die einzigen Wartenden. Wir freuen uns auf die Fahrt nach Alla, wir sind sehr gespannt auf dieses Dorf. Wen werden wir treffen, wie wird es dort aussehen? Werden wir das Ewenkische Kulturzentrum anschauen können?
Ich bin mir ziemlich sicher, dass es eine aufschlussreiche Zeit wird. Ich denke an meine schamanische Reise, die hatte Alla als wichtigen Ort für wenigstens einen Teil der Grey Wolf - Ausstellung gezeigt und es leuchtet mir ein, denn hier leben Ewenken und es gibt bereits ein Ewenkisches Kulturzentrum, das GWG in seinem Testament genannt hatte.

Es geht auf 8 Uhr zu und uns wird immer mulmiger, denn unsere Begleiterin kommt nicht. Wir fühlen, dass etwas nicht stimmt. Trotzdem versuchen wir die Hoffnung aufrechtzuerhalten, dass schon alles gut gehen würde. Leider ist die junge Frau offenbar telefonisch nicht erreichbar, wir versuchen es immer wieder. Was ist passiert?

Wir überlegen, was wir nun tun sollen. Es ist schon halb 9 und der Bus abfahrtsbereit. Das Gepäck aller Passagiere ist verstaut. Ich frage, ob noch 3 Plätze frei sind, denn ich zweifle langsam, dass sie die Tickets überhaupt gekauft hat. Nara bestätigt das. Etwas muss unserer Begleiterin dazwischengekommen sein. Uns ist das rätselhaft. Warum ist sie abgesprungen?Während wir noch überlegen, alleine zu fahren, ist der Bus abgefahren. Nara will uns davon abhalten. Aber wir sind entschlossen! Allerdings - der nächste Bus fährt erst um 11:00 Uhr. Wir sagen Nara, dass wir fahren werden und kaufen die Tickets.

Die Zeit vertreiben wir uns in der Stadt mit einigen organisatorischen Erledigungen und essen etwas. Kurumkan stelle ich mir in einem eher engen Tal und mit viel Wald vor. Immer noch denke ich, dass die Taiga überwiegend aus Fichtenwald besteht. Das stimmt überhaupt nicht, denn Kiefern und Mischwald sowie sibirische Lärchen und viele Birkenwälder sind sehr verbreitet. Fichten gibt es selten mal eine.

Aus unserem Tagebuch:
Wir frühstücken in unserem Café Dacha, dem wunderschönen mit dem superleckeren Gebäck und Kaffee. Die Chefin, eine sehr nette aufgeschlossene Frau, frage ich, ob sie Kurumkan kennt und ob sie wüsste ob es dort ein Hotel gibt. Nein, aber sie verrät uns, wohin wir uns wenden könnten. Schließlich ist es eine Kollegin von Julia, meiner Bekannten aus dem Reisebüro, die uns das Hotel in Kurumkan bucht und uns Namen, Adresse und Telefonnummer aufschreibt. Dann schnell zurück zum Busbahnhof.

Der Bus kommt, wir verstauen das Gepäck, nehmen Platz … auf den Notsitzen! Na toll, meiner klappt gleich bei der ersten scharfen Kurve um und ich sitze fast einem älteren Mann auf dem Schoß. Ob das ein Ewenke ist?? Ich kann Ewenken beim besten Willen nicht von Burjaten unterscheiden.

Der Bus ist alt. Die neuen Busse wurden alle verkauft, die Stadt brauchte Geld. In der Stadt fahren vor allem Straßenbahnen und O-Busse, in das Barguzintal fahren die kleinen alten russischen Busse. 7 spannende Stunden liegen vor uns! Ich bin so gespannt und freue mich. Aber ein bisschen Sorgen machen wir uns, weil wir kein Russisch sprechen und mit Englisch einfach nicht weiterkommen und weil wir frühestens um 18 Uhr in Kurumkan ankommen werden und nicht wissen, wie es dann weitergehen wird! Wir haben vor, von Kurumkan aus einen Fahrer zu nehmen und nach Alla zu fahren und dann zurück nach Kurumkan zur Übernachtung im Hotel zu fahren, damit wir am nächsten Morgen den Bus zurück nach Ulan-Ude nehmen können! Das muss sein, weil das unser letzter Tag in Burjatien sein wird. Ein bisschen verrückt ist es schon, wir haben nur eine kleine Chance, aber wir wollen es unbedingt versuchen! Es hätte uns sonst keine Ruhe gelassen. Außerdem würde die Fahrt einfach wunderschön werden - diese Gegend kennenzulernen, allein das lohnte sich auf jeden Fall. Selbst wenn es mit Alla nicht klappen sollte. Wir würden auf jeden Fall das berühmte Barguzintal kennenlernen... Aber eins nach dem anderen.

Zuerst fährt der Bus auf einer guten Asphaltstraße aus Ulan-Ude raus und nach ca 1 Stunde in der Nähe des Baikal-Ufers ist es plötzlich aus mit dem glatten Asphalt. Es geht auf einer Sandpistenstraße weiter. Es schaukelt ganz schön. Alle Passagiere sind froh, lachen, scherzen, oder dösen. Sie freuen sich auf ihr Zuhause! Nach zwei Stunden, zur besten Mittagszeit, macht der Bus Station in Gremjachinsk, bei einem einfachen Restaurant direkt am Ufer des Baikalsees! Damit haben wir nicht gerechnet. Alle Fahrgäste steigen zum Mittagessen aus und auch wir suchen uns im Restaurant ein Plätzchen und wählen ein Mittagsgericht aus, anschließend noch ein paar Fotos am Ufer des Baikal. Dann geht die Fahrt weiter, immer am waldigen Ufer entlang, und ab und zu erhaschen wir einen Blick auf den Baikal. Der Bus hält an Siedlungen, die im Wald liegen, niedrige sibirische Häuser unter hohen Bäumen. Weitere 1,5 Stunden dauert es bis Ust-Barguzin. Das ist ein bekannter Ort, hier beginnt das Barguzin Tal und der Name leitet sich vom Fluss Barguzin ab. Der Barguzin (russisch: Баргузи́н; burjatisch: Баргажан,) ist ein 480 km langer Fluss in Burjatien, Russland, der in die Barguzin-Bucht des Baikalsees fließt, die größte und tiefste Bucht des Baikalsees. Der Barguzin ist nach den Flüssen Selenga und Obere Angara der dritte (nach der Durchflussmenge) Zufluss des Baikalsees.
Ein gewaltiger Fluss. Im Dorf Barguzin stoppt der Bus am Flussufer - wir warten auf die Fähre! Der Barguzin ist eisfrei und tiefblau! Wunderschön. Seine Ufer sind noch braun, die Wiesen und das Schilf sind noch nicht gewachsen und das mächtige Barguzin-Gebirge trägt noch verschneite Gipfel. Der Barguzin fließt relativ gemächlich, zahlreiche Wasservögel lassen sich treiben. Es dauert eine Weile, bis die kleine Fähre kommt und alles verladen ist - unser Bus, Pkws, Motorräder und Fußgänger mit jeder Menge Gepäck. Am anderen Ufer geht es weiter und die Piste ist jetzt eine einfache Sand-Straße. Die Landschaft ändert sich. Links baut sich das Barguzin-Gebirge mit dunklen dichten Wäldern und hohen schneebedeckten Gipfeln auf, links wechseln Flüsse, Steppen und Sanddünen! Wir sind begeistert, es wird immer schöner, je weiter wir in das Barguzin-Tal kommen! Das ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft - denn hier wird für mich klar: das Bargusin-Tal ist in Zukunft ein neues Reiseziel von Kia Ora Reisen.

barguzinriver_barguzingebirge_gudrunwippel_kiaorareisen.jpg

Barguzin Fluss_Kia Ora Reisen Gudrun Wippel

Ach, wenn ich doch damals meine wunderbaren Gastgeber und Guides schon gekannt hätte, die jetzt seit einigen Jahren meine Kunden durch das Barguzin-Tal und zu den Schönheiten des Baikal begleiten! Sie wandern mit ihnen und besuchen die Halbinsel Heilige Nase, die Schlangenbucht und die geschützten Inseln auf denen sich auf behutsame Weise Baikalrobben beobachten lassen. Sie besuchen buddhistische Tempel und führen sie an uralte Kraftplätze und heilige Stätten. Hier erhalten unsere Reisenden Einblicke in das Leben der Burjaten und Ewenken, in den Buddhismus und in den Schamanismus, auf sehr achtsame und respektvolle Weise, denn die Einheimischen schätzen und ehren ihre Plätze und ihre Umgebung mit aller Selbstverständlichkeit. Und sie kennen die Gegend wie ihre Westentasche, es ist ihre Heimat.

Wir sehen vom Bus aus mal hier einen Schrein, mal dort ein kleines Dorf... die spannende Fahrt vergeht schnell. Nach weiteren 2 Stunden sind wir in Kurumkan. Das Städtchen liegt ca 40 km von Baikal entfernt, dazwischen das Barguzin-Gebirge, in dem Bären und viele andere Wildtiere zu Hause sind. Smartphone habe ich damals noch keins und google maps nicht erreichbar, kein Laptop, kein WLAN...

Kurumkan

Wir wissen nicht, wie der Ort Kurumkan aufgebaut ist, haben keine Ahnung wo das Hotel ist und zeigen dem Busfahrer unseren Zettel mit der Adresse. Das kleine einfache Hotel hat kein Restaurant, Frühstück würde es auch nicht geben. Wie gut, dass wir noch Proviant dabei haben! Wir sind überrascht, dass die Frau an der Rezeption keine Ahnung von einer Buchung hatte. Und sie spricht kein Wort Englisch. Natürlich, die Saison hat noch nicht begonnen, Touristen sind weit und breit nicht zugegen. Das Hotel Tuya liegt an der Hauptstraße, aber außerhalb des Ortskerns. Wo ist der überhaupt? Wir sind nach der langen Fahrt etwas müde und hungrig. Aber zuerst müssen wir jetzt einchecken und dann ein Taxi finden. Also rufe ich Nara an. Sie übersetzt der Rezeptionistin..., und handelt für uns das billigste Zimmer aus! (wir stellen am nächsten Tag fest, dass es für ein paar Rubel mehr sehr schöne komfortable Zimmer mit Dusche und WC gegeben hätte!) Sie meint es immer gut mit uns - hat aber offenbar etwas andere Vorstellungen was gut für uns ist.

Ein Taxi ist nicht zu bekommen. Was bleibt uns übrig? Wir wollen es per Anhalter versuchen! Draußen an der Straße sehen wir nirgends ein Auto. Wir sind skeptisch ob es mit dem Trampen klappen würde und ein bisschen unschlüssig, ob es jetzt überhaupt noch Sinn machen würde, nach Alla zu fahren. Immerhin wäre es nochmal eine Stunde Fahrt, dann müssten wir dort jemanden finden, dann später wieder zurück zum Hotel gelangen!
Alla ist viel kleiner als Kurumkan und es gibt auch kein Hotel. Aber es hat eine wunderschöne Lage, ist Ewenkisch und unsere Guides kennen die schönsten Plätze. Das weiß ich heute, aber damals?
Wir lassen es für diesen Abend einfach los...

barguzingebirge_bei_kurumkan_burjatien_gudrunwippel.jpg

Barguzin Gebirge bei Kurumkan Burjatien_Gudrun Wippel

fruhlingsabend_mit_schneezaunen_kurumkan_gudrunwippel.jpg

Frühlingsabend mit Schneezäunen in Kurumkan Barguzintal

Dafür sehen wir einen Kiosk und kaufen uns ein Bier - irgendwie haben wir das jetzt verdient. Wir spazieren mit unserem Bier und, auch wenn kein einziges Auto in Sicht ist, das uns hätte nach Alla bringen können, sind wir relativ entspannt. Entspannt und ein bisschen resigniert. Aber angesichts der wundervollen Umgebung sind wir vollkommen entschädigt! Es ist so fantastisch hier. Ich atme mit meiner Erinnerung an damals jetzt noch die weiche unglaublich klare Frühlingsluft, die Abendluft. Sowas ist heute so selten geworden. Dieser Duft nach Erde und jungen Pflanzen, nach blühenden Büschen und klarem Wasser - dieser wunderschöne Duft eines kühlen, klaren Frühlingsabends, wenn die Luft feucht ist und der Himmel so klar, als wäre er aus Glas - das ist fast wie eine Kindheitserinnerung! Hier war das so, hier im Barguzin-Tal. So bekommen wir einen Eindruck vom der wunderschönen Gegend, die so still und friedlich ist... Hinter Holzzäunen schauen typische sibirische Holzhäuser hervor, mit kunstvoll geschnitzten Fensterläden und Giebeln, manche schon frisch gestrichen... Überall blühen wilde Traubenkirsche und Flieder, die ersten Löwenzähne breiten sich leuchtend gelb im Gras aus, aus den Höfen plätschern kleine Wassergräben...  Am Ortsausgang entdecken wir ein neues hübsches Touristenhotel! Natürlich ist es geschlossen, erst im Sommer, ab Mitte Juni, kommen Gäste hierher.
Wir setzen uns auf die Wiese, trinken unser Bier und genießen die herrliche klare Abendluft. Bis ein Lkw kommt und uns aus unseren Gedanken reißt zurück in die Tatsachen: es gibt niemanden, der uns nach Alla bringt und Abgase stinken natürlich auch hier und treiben uns zurück zum Hotel.

Im Tagebuch steht: Schade, mit Alla wird es diesmal nichts.

unser_bus_kurumkan-ulan-ude_gudrunwippel_kiaorareisen.jpg

Unser Bus von Kurumkan nach Ulan-Ude_Gudrun Wippel

Aus unserem Tagebuch:
morgens - Frühstück im Zimmer, Gang zum Busbahnhof, Tickets kaufen… Dann Kaffee in einem Restaurant gegenüber der Bushaltestelle. Busabfahrt (wir fahren rückwärts sitzend, aber es macht nichts). Ich habe Zeit, meine Gedanken zu ordnen.

Manches ergibt sich eben erst vor Ort. Und nicht alles funktioniert in einer solchen Situation. Aber wir hatten das wunderschöne Barguzin-Tal kennengelernt und waren ganz sicher nicht das letzte Mal hier!

In mein Tagebuch notiere ich:
Um die Ewenken kennenzulernen und mit ihnen zu arbeiten müssen wir wiederkommen.
Ich habe viele Fragen, die notiere ich abends ganz in Ruhe.

Der 1. Juni ist unser letzter Tag am Baikal, in Ulan-Ude.
Die Frau von der Ewenkischen Radiostation wollte ein Interview mit uns machen. Der Termin ist für heute vereinbart. Aber - wir sind sehr enttäuscht, weil sie nicht kommt. 
Auch die Frau vom ewenkischen Museum hat keine Zeit. Wir verstehen allmählich, heute ist der 1. Juni - der Internationale Tag des Kindes! Hier ist dieser Tag wie ein Feiertag, der der Familie und den Kindern gehört. Das ist einzusehen. Es wäre schön gewesen, das vorher zu erfahren. Stattdessen war uns der Termin von Nara bestätigt worden. Uns ist das alles etwas rätselhaft und mysteriös. Alle Termine scheinen plötzlich zu platzen. Die Termine mit allen Ewenken kommen einfach nicht mehr zustande. Warum?
Wieder einmal finde ich es hinderlich, die Sprache nicht zu verstehen/zu sprechen. Immer muss man sich auf Dritte verlassen: übersetzen sie richtig, sagen sie alles richtig??

Als ich Nara sage, dass wir auch mit dem Mann sprechen würden, der das private ewenkische Museum hat, sagt sie - ja, der hätte auch Interesse uns zu helfen. Fein, das sagt sie so beiläufig. Das wäre wichtig gewesen! Ein Termin war auch mit ihm heute ausgeschlossen.

Die Fragen, die ich eigentlich der Radiofrau hatte stellen wollen, frage ich jetzt Nara. Zumindest teilweise. Und notiere in unser Tagebuch:
Wir erfahren: in Alla gibt es eine Schule.
Alla ist viel kleiner als Kurumkan.
Es gibt in Kurumkan nur wenige Ewenken.
Es gibt in Alla Kunsthandwerk, traditionell, das von einigen Leuten ausgeübt wird, zum Beispiel arbeiten die auch für das private Museum (haben für viele Exponate angefertigt, Kleidung, Fellteppiche usw.)
Auch wird dieses kulturelle Erbe an Jugendliche aktiv weitergegeben.
Alle sprechen auch Ewenkisch, aber in der Schule wird Russisch und Burjatisch gelehrt.
Es gibt traditionelle ewenkische Musik und Tänze, man pflegt diese Tradition auch.
Michail kannte einen ewenkischen Komponisten.

Es wäre so interessant und wichtig gewesen, in Alla zu sein!

Wie es weitergeht

Auf einmal weiß ich, wie diese Geschichte weitergehen soll und was ich auf meiner nächsten Reise erkunden möchte. Jetzt, nach der langen Zeit, in der ich es immer mehr loslassen konnte, die Träume eines anderen erfüllen zu wollen, kehre ich zu meinen eigenen Träumen zurück.
Ich organisiere Reisen an den Baikalsee und vor allem in das Barguzin-Tal, mit Wanderungen im Barguzin-Gebirge, bis nach Alla... für meine Reisekunden, einzigartige authentische Reisen mit einheimischen Reiseführern, die unseren Reisenden die Baikal-Region durch ihre Augen zeigen.

Und - Wer mehr erfahren möchte wie es mit dem sozialen Projekt von Grey Wolf Guruev weitergeht - Fortsetzung folgt.

Autor: Gudrun Wippel
Fotos: Gudrun Wippel

Bezug zu Land: 

Partnerlinks