Mongolei: Schafe, Ziegen, Kaschmirwolle?

Als ich das erste Mal in die Mongolei einreiste, stand ich am Fenster eines Zuges der Transsibirischen Eisenbahn. Wir hatten 5 Tage Bahnfahrt hinter uns, eine wundervolle Reise durch Russland, von Moskau bis zum Baikalsee (obwohl bei meist anstrengend hohen Sommertemperaturen)! In Ulan-Ude wechselten wir auf die Strecke nach Ulaanbaatar, um in die Mongolei zu gelangen.
Die Mongolei! In der Morgendämmerung schauten wir aus dem Zugfenster in eine Landschaft - weit, frei, friedlich!

Dieser Eindruck war so ganz anders als alles was wir auf der ganzen Reise durch das schöne Sibirien gesehen hatten, als wäre es eine andere Welt.
Und so ist es immer geblieben - dieser erste Eindruck der Mongolei, den ich in meiner Erinnerung bewahrt habe wie einen Schatz, wiederholt sich bei jeder Einreise in dieses wundervolle Land, egal ob ich mit dem Flugzeug, mit der Bahn oder mit dem Bus ankomme.

Mongolei - weit, frei, friedlich!

Wenn ich das Bild von damals malen würde, wäre darauf die weite Steppe in der Morgendämmerung zu sehen, durchzogen von sanften grünen Hügeln bis zum Horizont. Eine Herde von Schafen und Ziegen, verteilt über eine zaunlose freie Fläche sanften Grüns und am Fuße eines der Hügel liegt ein Mann im Gras, ein Bein auf dem Knie des anderen abgestützt, im Rücken als Polster den Sattel seines Pferdes, das einige Schritte entfernt weidet. Es scheint wie eine romantische Szene, fast klischeehaft, in Wahrheit ist es der Spirit dieses Landes. Zur Zeit kommt mir die Mongolei so fern vor wie ein anderer Planet...

Zurück zum ersten Eindruck: Zwei Tage später, nach dem Naadam Fest (3 Tage währendes Fest vom 11. - 13. Juli jeden Jahres "die 3 Spiele der Männer", bei dem die Besten des Landes sich beim Bogenschießen, Ringen und Pferderennen messen)  in der Hauptstadt und auf dem Land, lernten wir das Leben der mongolischen Viehzüchter kennen, weil wir zu Gast waren bei einer Nomadenfamilie. Die gastfreundlichen Menschen machten uns den Aufenthalt so angenehm wie möglich, so ist das bei den Mongolen. Ob sie wussten, dass sie nach europäischen Maßstäben sehr einfach leben? Wir waren einfach nur glücklich, gerade weil es so anders war, gerade weil das Leben so einfach schien. Sie bewirteten uns zu allen Mahlzeiten mit frischem Essen, zu dem viele eigene Erzeugnisse gehörten. Da es Sommer war, gab es viel Milchtee, Käse, Quark, Sahne... und abends zu Reis oder selbstgemachten Nudeln ein wenig Gemüse und einige kleine Streifen Trockenfleisch. Denn im Sommer wird nicht geschlachtet. Im Sommer leben die Nomaden hauptsächlich von Milchprodukten, die ihnen jede Menge Vitamine und Mineralien bieten. Modern war, dass es auch feinen Salat aus Kohl und Möhren gab. 

Die Nomaden leben im Einklang mit der Natur, und das heißt, auch ständig unmittelbar den Jahreszeiten und den Witterungsbedingungen ausgesetzt zu sein und damit umgehen zu können. Für die Mongolen kaum ein Problem - leben sie doch seit Jahrhunderten mit den extremen Bedingungen in dem Steppen- und Wüstenland zwischen China und Russland, in Asien, in einem trockenen Kontinentalklima. Das bringt im Sommer Hitze bis zu 45 Grad in der Gobi und im Winter eisige Stürme und Kälte bis zu minus 40 Grad, manchmal auch extreme Werte bis - 50 Grad. Die niederschlagsarme Region wird im Sommer ab und zu von heftigen Regenfällen heimgesucht und im Winter gibt es eisige Schneestürme. Deswegen ist die nomadische Viehhaltung die beste und bewährteste Lebensweise für die ganze Region.

In den Steppen und in der Wüste Gobi, dem bewaldeten Norden und dem Altai Gebirge im Westen der Mongolei leben rund 3 Millionen Menschen, einschließlich der Hauptstadt Ulaanbaatar. In Ulaanbaatar lebt heute mindestsens ein Drittel der Einwohner der Mongolei und ein weiteres Drittel lebt als Nomaden im ganzen Land,  der dritte Teil der Einwohner der Mongolei ist sesshaft in den Provinzhauptstädten oder kleinen Siedlungen zu Hause. Die Nomaden der Mongolei erzeugen viele Lebensmittel und wichtige Rohstoffe, wie Milch und Milchprodukte, Fleisch, sowie Wolle. Ein großer Teil der Erzeugnisse ist auch für die Einwohner der Hauptstadt!

Zu den wichtigsten Produkten der Mongolei gehört Kaschmirwolle, die im Frühjahr von den Ziegen gewonnen wird. Das sehr feine Unterhaar wird ausgekämmt, sobald es von alleine beginnt auszufallen. Es ist wertvoll, denn feinere Ziegenhaare gibt es nicht. Sie sind leicht und wärmen. Im Frühjahr verlieren die Ziegen diese Haare sobald es warm wird, denn es ist Winterfell, das sie im Sommer nicht brauchen. Die Nomaden nutzen diese Wolle seit langer Zeit schon. Heute ist die feine Kaschmirwolle weltweit ein begehrter Rohstoff.

Kaschmirgewinnung und Überweidung

Und doch wird in Deutschland auch negativ über die Kaschmir-Wollproduktion in der Mongolei berichtet. In einem Beitrag in der Frankfurter Rundschau im Dezember 2020 wird kritisiert, dass die Nomaden zu viele Ziegen in ihren Herden halten und dass die Ziegen leiden. Die Viehzüchter würden die Tiere schlecht behandeln, ihnen die Wolle ausreißen, sogar von blutenden Wunden ist die Rede. Das Land würde immer mehr zu einer Wüste werden, weil eine Überzahl an Ziegen alles kahl fressen... Harte Vorwürfe gegen die Nomaden!
(Quelle: Frankfurter Rundschau, "Geschundene Tiere, karges Land", 17.12.2020 15:29
Bildunterschrift: "Blutende Wunden bleiben oft zurück: Zwei Hirtennomaden in Kaschmir beim Auskämmen der wertvollen Wolle." © imago/imagebroker

In der Einleitung heißt es: "Ein kuscheliger Kaschmirpulli zu Weihnachten? Selbst Kaufhäuser und Discounter bieten inzwischen massenhaft Waren aus dem kostbaren Garn an. Doch Tiere und Umwelt leiden darunter.")

Was hat es damit auf sich? Wie sieht die Situation vor Ort tatsächlich aus?

Es ist ganz bestimmt richtig, dass Kaschmir-Ware keine Billilgware ist und nicht als Massenware verkauft werden sollte! Meiner Meinung nach sollte die nachhaltige Produktion von Kaschmirwolle stattdessen gefördert werden und auch das Marketing auf "Nachhaltigkeit" setzen! Ein so wertvolles Produkt - wenn es nachhaltig und achtsam gewonnen wird - verdient es auch, so behandelt und vermarktet zu werden.

Ich besuche die Website der im Beitrag der Frankfurter Rundschau genannten Stiftung: "Hilfe durch Handel" / Aid by trade foundation
In dieser Stiftung gibt es eine Initiative namens "The good cashmere standard", die die Broschüre  herausgebracht hat. In der Untersuchung und der daraus resultierenden Broschüre "The good cashmere standard" geht es allerdings um nachhaltige Kaschmirproduktion in der INNEREN Mongolei! Im Gegensatz dazu schreibt die Autorin des Beitrags in der Frankfurter Rundschau hauptsächlich über die Mongolei. Fazit: in dem Artikel werden die Zustände und Methoden in der Inneren Mongolei - China - kritisiert und man nennt die Mongolei. Das sind verschiedene Welten...! die hier vermischt werden.
Zudem möchte ich anmerken, dass die "Aid by trade Foundation" 2005 von Prof. Dr. Michael Otto gegründet wurde, warum diese Stiftung sich allerdings nicht für die Förderung einer nachhaltigen Kaschmirproduktion in der Mongolei einsetzt, wird nicht klar.

Weiter heißt es im Beitrag der FR: "Tina Stridde, Geschäftsführerin von "The Good Cashmere Standard", Zitat: "Wir denken, dass es besser ist, sich stattdessen für mehr Tierschutz bei der Haltung und Schur der Ziegen einzusetzen. Wir schließen das Kämmen nicht aus, aber wir verlangen zum Beispiel, dass die Arbeiter dafür gut ausgebildet sind und dass ihre Instrumente in Ordnung sind."

Das ist auf jeden Fall gut gemeint. Jedoch - Ziegen werden nicht geschoren und "die Arbeiter" - in der Mongolei die Nomaden selbst - praktizieren jedes Frühjahr traditionell und seit Alters her das Auskämmen der Ziegenhaare auf eine sanfte Art und Weise. Und - in der Mongolei gibt es keine industrielle Massentierhaltung. 

Auf meinen zahlreichen Mongoleireisen habe ich einen anderen Umgang mit den Tieren kennengelernt, einen sanften und achtsamen mit Respekt vor den Tieren und dem Land, mit Respekt vor dem Leben. Mongolen sind Menschen, die ihr Land lieben und ehren. Sie sind mit Mutter Erde verwurzelt und in ihrer Kultur gilt die Natur als beseelt und alles ist lebendig, die Erde ist ihnen heilig...

Ich bin der Sache nachgegangen und sprach mit Frau Bayarsuren von meinem Partner-Reiseunternehmen Ger-to-Ger über die Problematik von Kaschmirwolle, Ziegen und ihrem Anteil an Überweidung und Verwüstung. Ich weiß, dass in manchen Herden in der Mongolei inzwischen zu viele Ziegen gehalten werden und dass dies zu Überweidung beiträgt. Das sensible Ökosystem verträgt keine große Zahl Ziegen, weil diese das Gras und die Kräuter mit der Wurzel ausreißen und es länger dauert, bis etwas nachwächst.

Aber warum halten die Nomaden immer mehr Ziegen? Wie groß ist das Ausmaß? Und was kann man dagegen tun?

Und die Gründe?

Mich interessiert die Situation in der Mongolei in Bezug auf die Ziegen, die Herden und die Gewinnung von Kaschmirwolle und wie sie sich in den letzten Jahren entwickelt hat.

Die Kritik, dass die Wüste in der Mongolei sich immer weiter ausbreitet, und dass das Ungleichgewicht zwischen Schafen und Ziegen in einer Herde in der sensiblen Umwelt dazu beiträgt, ist nicht von der Hand zu weisen. Dies bestätigt auch Frau Bayarsuren.

Sie nennt uns auch die Gründe. Bayarsuren: "Ja, Kaschmir ist ein äußerst wichtiger Rohstoff für die Mongolei, da der Lebensunterhalt von fast einer Million Viehzüchtern (Anm. GW: Nomaden) davon abhängt. Obwohl die gestiegene weltweite Nachfrage nach Kaschmir in jüngster Zeit eine Reihe von Vorteilen mit sich brachte, trug sie auch zur Umweltzerstörung bei, wie z. B. Überweidung, Abholzung, Erosion der Landschaft und des Weidelandes und Verlust der Artenvielfalt. Obwohl die Hirten und Verarbeiter das schwindende Weideland erkennen und sich damit auseinandersetzen, tun sie sich schwer, die derzeitigen Praktiken zu ändern und sind weitgehend nicht in der Lage, auf nachhaltigere Methoden umzustellen.

Darüber hinaus stellt COVID-19 die Branche vor noch nie dagewesene Herausforderungen. Der Preis für Rohkaschmir ist im Vergleich zum letzten Jahr um 50 Prozent gesunken und der Umsatz ist aufgrund von branchenweiten Stornierungen von Exportverträgen um 70-80 Prozent zurückgegangen.

Im vergangenen Mai verabschiedete das Parlament (Anm. GW: der Mongolei) eine Resolution, die darauf abzielt, das Einkommen der Viehzüchter und die inländische Produktion der Kaschmirindustrie während der COVID-19-Pandemie zu unterstützen. In diesem Rahmen erhalten die Hirten eine Subvention von 20 Tausend MNT für jedes Kilogramm geliefertes Kaschmir, mit geschätzten Haushaltsausgaben von über 200 Milliarden MNT.

Basierend auf den Angaben der Nomadenhaushalte in den Daten der Viehzählung 2019 wird die Menge des Kaschmirs gemäß dem Standard "Mongolische Ziegenrasse und -gruppen - allgemeine Anforderungen" (MNS 0550:2011) berechnet und die Subvention auf das Bankkonto jedes Nomaden überwiesen. Im Jahr 2019 wurden landesweit 70,9 Millionen Stück Vieh gezählt, davon 29,3 Millionen Ziegen." 

Ich bedanke mich bei Frau Bayarsuren für die erste Einschätzung der Situation mit den Problemen der Überweidung in der Mongolei, die zuverlässige Informationen aus erster Hand bedeuten.

In Europa haben wir normalerweise kaum eine Vorstellung davon, wie die Nomaden leben. Tierschützer kritisieren aus dem Blickwinkel europäischer Bedingungen und Maßstäbe, und leider sind einige von ihnen sehr aggressiv und radikal, was manchmal am Wahrheitsgehalt ihrer kritischen Beiträge zweifeln lässt. Die Nomaden geraten auch unter Druck, weil das Produkt Kaschmirwolle so begehrt ist, also immer mehr nachgefragt wurde und das bringt Abhängigkeit, wirtschaftliche Abhängigkeit. Ich bin selbst am Tierwohl interessiert und leidenschaftliche Umweltschützerin. Und ich möchte ein möglichst realistisches Bild, das auch den Nomaden gerecht wird, die mit ihren Tieren liebevoll und respektvoll umgehen.

Eine wesentliche Ursache für die Ausbreitung der Wüste in der Mongolei (und anderswo auf der Erde) ist natürlich die globale Erwärmung, die größtenteils menschengemacht ist, vor allem durch die westlichen Produktionsmethoden, die Förderung und Nutzung fossiler Brennstoffe und die Umweltzerstörung durch Bergbau, massive Abholzung überall auf der Welt (besonders der Regenwälder) und die Anlage ausgedehnter Monokulturen. Auch die Massentierhaltung in den westlichen Ländern ist ein wesentlicher Grund für den voranschreitenden Klimawandel! Die Auswirkungen bekommen auch die Nomaden zu spüren, deren Lebensweise in allen Teilen der Welt zunehmend bedroht ist.

Hautnah habe ich auch richtig heftige Probleme der Nomaden mitbekommen, als durch Bergbau in der Gobi zum Beispiel im Jahr 2014 durch Explorationen nach Gold und Uran Schwermetalle ins Trinkwasser gelangten und das Wasser verseuchten. Auch trug der Wind den kontaminierten Sand und Staub weit fort, so dass sich Umweltgifte in der Gobi verbreiten konnten und die Folgen waren schrecklich. Im Jahr 2014 mussten die Nomaden der Gobi erleben, wie viele Tiere starben - Tierärzte und Wissenschaftler wiesen nach, dass es keine Krankheit war, die die Tiere heimsuchte, sondern die im Wasser gelösten Schwermetalle das Tiersterben, Totgeburten, missgestaltete und kranke Tiere verursachten. Die Menschen kämpften hart dafür, dass der Uran-Bergbau verhindert wurde. Dafür nahmen sie viele Mühen und sogar die Gefahr auf sich, Strafen auf sich zu nehmen, denn Widerstand gegen den Staat wird mit Gefängnis bestraft. Doch auch Gold-Abbau richtete viel Schaden an. So ist die Goldmine am Shar Usan Gol (Gelbwasserfluss) „durch das „United Movement of Mongolian Rivers and Lakes“ (Vereinigte Bewegung zum Schutz mongolischer Flüsse und Seen UMMRL) von Ts. Munkhbayar schon 2011/2012 zum Symbol des Widerstands der Viehhalter geworden.“, berichtet Eike Seidel im Munx-Tenger Rundbrief Dezember 2014. „Am Unterlauf dieses Flusssystems wurden im Landkreis Durwuljin in der benachbarten Provinz Zavkhan viele Weidetiere, Wildtiere und Vögel vergiftet aufgefunden – vermutlich durch bei der Goldgewinnung verwendetes Natriumzyanid.“

Riesiger Tailingsdamm und Absetzbecken an der Kupfermine, Mongolei

Dabei wirkt sich der Klimawandel sowieso schon deutlich auf die Region aus, auch ohne Bergbau, Abholzung oder andere massive Eingriffe in die Natur. Der Klimawandel macht vor den Grenzen der Mongolei nicht Halt. Im Gegenteil, in dem empfindlichen Ökosystem brachten extreme Witterungserscheinungen im letzten Jahrzehnt heftige Regenfälle in die Wüste Gobi. Im Sommer 2018 führten die Regenfälle sogar zu starken Überschwemmungen in der Gobi, die kilometerweit die Hälfte der neuen Straße fortspülten oder das ohnehin schon karge Weideland für die Kamelherden vollkommen unter Wasser setzte - für Tage und Wochen! (Mongolei-Rundbrief 2018, die Medien berichteten) Dann gab es wieder lange Dürrezeiten, in denen Flüsse austrocknen und man in den Brunnen immer tiefer nach Wasser graben muss. Dazu starker Wind, der den Wüstensand und Staub über weite Strecken trägt und überall verteilt. Natürlich breitet sich die Wüste immer weiter aus. Und daher werden die Gebiete der Nomaden immer mehr eingeschränkt, immer mehr Weidetiere müssen sich die Weideflächen teilen. Das ist dramatisch, viele Nomaden verloren bereits Herden oder mussten das Leben auf dem Land aufgeben.

Mongolische Nomaden

Ich besuchte auf meinen Reisen immer wieder viele Nomaden. Natürlich - selbst bei meinen zahlreichen Reisen durch die Mongolei sehe ich nur kleine Ausschnitte des Lebens der Menschen dort. Das riesige Land ist durchschnittlich sehr dünn besiedelt, hat aber auch ganz unterschiedliche Regionen mit Steppen, extrem trockener Wüste, Hochgebirge und Wäldern, Flüssen und Seen und so gibt es Regionen, die dichter besiedelt sind und Regionen, in denen sehr wenige Menschen sehr weit verteilt mit ihren Tieren zu Hause sind, das richtet sich danach, wieviele Lebewesen die jeweilige Region „aushält“. Überall im Land beeindruckte mich zu jeder Zeit die große Geduld und Achtsamkeit der Nomaden im Umgang mit ihren Tieren. Niemals habe ich Grobheit oder Ungeduld gesehen oder gar eine Handhabung der Tiere, die ihnen Schaden zufügten. Im Gegenteil - ich genieße es jedesmal wenn ich in der Mongolei bin, dass alle Tiere frei weiden und viel Platz haben auf den natürlichen Weideflächen. Ich sehe, dass sie mit ausreichend Wasser und Nahrung versorgt werden, dass die erfahrenen Nomadenfrauen die Tiere mit viel Geduld und Erfahrung melken und umsichtig mit ihnen umgehen. Im Frühjahr gehört die meisten Zeit und die ganze Aufmerksamkeit der Nomaden den Jungtieren, die geschützt und umsorgt werden. Es ist sogar Gang und Gäbe, dass die Lämmchen, wenn es draußen nachts noch kalt ist, sich über Nacht im Ger aufhalten dürfen. Die Tiere sind der ganze Reichtum der Menschen, ihre Lebensgrundlage, ihr Stolz. Schon die Kinder gehen von klein auf mit den Tieren um und sind mitverantwortlich für die Pflege und das Wohlbefinden der Tiere. Wenn geschlachtet wird, geschieht dies so ruhig und so bedacht, dass das Tier kaum leidet. Über Generationen wurde und wird Wissen und besondere Methoden weitergegeben, die Blutvergießen, Schmerzen oder Angst vermeiden.

Auf Reittouren hat mir ein Pferdezüchter gezeigt, wo zwischen den Dünen der Wüste Gobi eine Quelle ist, dort, wo die Birke wächst, die mit bunten Bändern und Khadags geschmückt ist. Die Khadags ehren die Geister des Ortes und danken für das Wasser. Ich sehe, mit welcher Hingabe die Männer das Wasser für die Tiere aus den Brunnen schöpfen - da wird kein Tropfen vergeudet.

Das alltägliche Nomadenleben genießen auch meine Reisenden. Denn sie lernen auf unseren Reisen das authentische Leben der Nomadenfamilien in den verschiedenen Regionen der Mongolei kennen und erleben die Lebensweise der Menschen und Tiere in den unterschiedlichen Landschaften des riesigen Landes, das durchschnittlich auf 1.300 m Höhe liegt. Die Gäste aus Europa lernen von den Nomaden die Lebensweise mit der Natur kennen und leben einige Tage ihr alltägliches Leben mit - sie helfen der Familie mit den Tieren und erfahren, wie die Nomaden die Milch zu verschiedenen Produkten verarbeiten und sie haltbar machen für die Winterzeit...

Nomadenfamilien leben weitgehend als Selbstversorger, sie betreiben Subsistenzwirtschaft und darüber hinaus müssen sie Produkte verkaufen, denn Fahrzeuge, Schulen, medizinische Versorgung von Mensch und Tier, Benzin und was sonst gebraucht wird, kann man nicht durch Tausch erwerben, dafür braucht man Geld. Und das Land ist natürlich auch auf die Erzeugnisse der Viehzüchter angewiesen. Die meisten Nomadenfamilien leben mit ihren Herden natürlich dort, wo das Nahrungsangebot für das Vieh am größten ist, nämlich in den Steppen in der Nähe von Flüssen und Wasservorkommen. Solche guten Bedingungen bieten sich auch in der Nähe der Hauptstadt. Das nutzen viele Nomaden, jedenfalls so nahe der Stadt wie möglichzu leben. Denn hier können sie am besten ihre Produkte verkaufen: Fleisch, Felle, Milch und Milchprodukte und Wolle.

Ziegenhaltung und Kaschmirgewinnung in der Mongolei - Alternativen, Entwicklungen, Aussichten

Frau Bayarsuren äußert sich zu dem Beitrag in der Frankfurter Rundschau vom Dezember 2020 in dem ein ziemlich grausames Bild gezeichnet, das mit einem Foto belegt wird, auf dem einer Ziege die Haare sehr grob ausgerissen werden und das Tier blutet - aber dass dieses Bild aus der Mongolei ist, bezweifelt sie. Und selbst wenn, wäre es die absolute Ausnahme.

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Schafe und Ziegen - ausgewogen und in Harmonie, Mongolei Nomaden, Kia Ora Reisen
Schafe und Ziegen - ausgewogen und in Harmonie, Mongolei Nomaden, Kia Ora Reisen
Schafe und Ziegen - ausgewogen und in Harmonie, Mongolei Nomaden

Die Behauptung in diesem Artikel, dass die Gewinnung der Wolle für die Ziegen sehr schmerzhaft ist, widerspricht der Ethik und dem Umgang der Nomaden mit ihren Tieren, sagt Frau Bayarsuren. Sie arbeitet seit Jahrzehnten eng mit den Nomaden zusammen, die sich in einem Netzwerk zusammengeschlossen haben und sich für eine umweltschonende Weidewirtschaft in der Mongolei.

Sie hat die Nomaden immer als sehr geduldig und vorsichtig im Umgang mit den Tieren erlebt. Aber sie versteht auch, dass es manchmal passieren kann, dass ein Tier verletzt wird, vor allem wenn man unter Leistungsdruck steht...

Besonders prekär findet Frau Bayarsuren die Einschätzung der Journalistin, die gleichzeitig gegen Produkte aus mongolischer Kaschmirwolle wirbt und für Schafwollprodukte aus Deutschland und Bio-Baumwollprodukte: „Sie plädieren für Schafwollprodukte aus Deutschland und für Baumwolle - was den mongolischen Nomaden eigentlich schadet und nicht hilft.“

Frau Bayarsuren schreibt, dass im Netzwerk der Nomadenfamilien ein neues Bewusstsein für die Kaschmirwollproduktion entstanden ist und die Nomaden das Gleichgewicht von Schafen und Ziegen in den Herden wieder in ein gesundes Verhältnis bringen wollen. Notwendig dafür sind alternative Einkommensmöglichkeiten für die Nomaden. In ihrer Einschätzung vom 3. Januar 2021 geht Frau Bayarsuren ausführlich auf den Artikel der FR ein und beantwortet auch meine Fragen:

"Traditionell züchten Nomaden fünf verschiedene Tiere (Schafe, Ziegen, Pferde, Kamele und Kühe) und erwirtschaften aus dem Viehbestand Einkommen. Milchprodukte, Milch, Fleisch, Kaschmir, Wolle und Felle sind die Haupteinnahmequelle der Nomaden. In den letzten Jahren ist der Preis für Tierfelle und Wolle dramatisch gesunken, so dass sich die Einkommensquellen der Nomaden verringern.
Um auf die Frage zurückzukommen, ob das Kämmen der Ziege schmerzhaft ist oder nicht? Kurz gesagt, die Antwort ist NEIN! Zunächst einmal ist das Kämmen von Kaschmir und das Schneiden von Wolle ein natürlicher Vorgang. Wenn wir die Ziegen mit Kaschmir lassen, dann schwitzen die Ziegen in den heißen Sommermonaten und können keine Fettschichten für den Winter entwickeln. Das ist so, als ob wir in den heißen Sommermonaten Winterkleidung tragen würden.
Zweitens hat sich die traditionelle Form oder das Material des Kammes in den letzten Jahrzehnten nicht verändert. Außerdem kämmen die Nomaden im Durchschnitt 300 Gramm Kaschmir pro Ziege aus. Die Menge des Kaschmirs ist die gleiche geblieben wie vor zwanzig oder dreißig Jahren. Daher sind Videos und Artikel über das Verletzen oder Hinterlassen von Wunden an Ziegen eine Verzerrung.
Auf der anderen Seite gebe ich definitiv zu, dass die Zahl der Ziegen in den letzten zwanzig Jahren in die Höhe geschossen ist und zur Haupteinnahmequelle geworden ist. Und die Ziege frisst das Gras mitsamt den Wurzeln und ist nicht umweltfreundlich. Deshalb ist es strategisch wichtig, die Anzahl der Ziegen in der Mongolei zu kontrollieren, basierend auf der Weidekapazität und dem natürlichen Erholungsprozess der Weiden.
Um die Nomaden davon zu überzeugen, nicht mehr einer größeren Anzahl von Ziegen hinterherzujagen, können wir zahlreiche strategische Schritte unternehmen, wie z.B. die Ermutigung, sich auf die Qualität der Tiere zu konzentrieren (Fleisch, Kaschmir, Milch) und zusätzliche Einkommensquellen anzubieten (nachhaltiger Tourismus Mongolei, Käsekooperativen, Filzkooperativen, Wollkooperativen usw.)"

Sie fährt fort: "Seit 2005 nutzt Ger to Ger den nachhaltigen Tourismus als Methode, um etwa 120 Nomadenfamilien eine alternative Einkommensquelle zu erschließen, aber es gibt immer noch Tausende von Nomadenfamilien, die nach Möglichkeiten suchen, alternative Einkommensquellen zu erschließen, bevor sie ihren traditionellen Lebensstil aufgeben und in die zentralen Städte ziehen."

Soweit Frau Bayarsuren aus der Mongolei am 3. Januar 2021.

Ja, es mag Probleme mit Überweidung durch Ziegen geben - es sollte aber auch bedacht werden, dass die Kaschmirwolle eine wichtige Existenzgrundlage für viele noch nomadisch lebende Mongolen ist, denen durch den Vorschlag, auf Kaschmir zu verzichten, ein Teil ihrer Existenzgrundlage entzogen wird.

Die Bundesrepublik könnte die Mongolei dabei mehr unterstützen, dass Kaschmir in der Mongolei zu guten Produkten verarbeitet wird und die fertigen Produkte exportiert werden. Es gibt bereits mehrere Produktionstätten für Kaschmirware in der Mongolei - auch faire und nachhaltige. Leider bleiben diese in dem Artikel der Frankfurter Rundschau unerwähnt.

Von der Unterstützung der mongolischen Produktion und dem Import mongolischer Ware nach Europa würden alle profitieren. Denn die Nomaden könnten in ihren Herden das ausgewogene gesunde Verhältnis der Anzahl von Ziegen und Schafen halten oder wiederherstellen, ohne finanzielle Einbußen in Kauf nehmen zu müssen. Weniger Ziegen bedeuten weniger Überweidung, und weniger Akkordarbeit wäre notwendig, weil der enorme Produktionsdruck an Rohkaschmir wegfällt. Es bedeutet, dass mehr Geld im Land für die Mongolei bleibt.

Außerdem gibt es als Alternative zu Kaschmirprodukten moderne hochwertige Kleidung aus Yakwolle und Kamelwolle aus fairer mongolischer Produktion! (Fair Trade Mongolia, Mary&Martha in Ulaanbaatar)

Das Leben mit ihren Tieren, die die Lebensgrundlage für die Nomadenfamilien sind, ist ein Leben in und mit der Natur. Es ist das Land, die Landschaft, das die Basis dafür bietet. Und die Menschen, die in der Region leben, haben sich und ihre Lebensweise den Landschaften und den Bedingungen sehr gut angepasst. So hielten sie bis heute das Ökosystem im Gleichgewicht. Die Witterungsbedingungen und die Lebensumstände erfordern selbstverständlich immer wieder Änderungen, denn nichts bleibt wie es ist, die Bedingungen ändern sich und die Menschen passen sich an. Gerade in den letzten Jahren waren politische Umwälzungen und der Klimawandel Herausforderungen für die Nomaden, in den empfindlichen natürlichen Bedingungen ein ökologisches Gleichgewicht zu bewahren - und es wird immer schwieriger.

Nomaden leben mit dem unverwechselbaren geografischen Charakter eines Ortes, der idealerweise in Wechselwirkung mit der Kultur und dem Wohlbefinden seiner Bewohner harmoniert. Nomadische Viehwirtschaft ist die beste Wirtschaftsform in der Mongolei, seit vielen Jahrhunderten bewährt und sie ist es heute noch.

Wir alle können viel von den Nomaden lernen. Indem Sie sie besuchen unterstützen Sie direkt ihre Lebensweise.

Autor: Gudrun Wippel
Fotos: Gudrun Wippel und "Ger to Ger"

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