Changpa und Drokpa

Ladakh: Während im Westen das moderne Nomadentum den Hauch von Freiheit, Ungebundenheit und Selbstbestimmung umweht, stöhnt der Alltag der traditionellen Nomadengesellschaft im ladakhischen Himalaya unter Nachwuchsproblemen, Klimaveränderungen und dem unbequemen Leben. Ladakhische Changpas und tibetische Flüchtlingsfamilien teilen sich das spärlicher werdende Gras und Wasser mit ihren Pashminaziegen-, Schaf- und Yakherden in den unwirtlichen Höhen über 4.500 m auf dem indischen Teil des riesigen Changthang-Plateaus. Wie lange noch?
Sie können bei ihnen zu Gast sein und viel über das Leben im Himalaya erfahren bei unserer Nomadenreise nach Ladakh.

Draußen ist es Januar und bittere minus 20°C, aber drinnen in der kleinen Steinhütte bullert der Ofen, befeuert mit getrocknetem Yakdung und Schafköddeln. Mama Dolkar versucht, ihren vierjährige Sohn aufzuwecken: „Ngato Delek – Guten Morgen kleiner Lungrig!“. Aber dieser seufzt und kuschelt sich noch tiefer in die Schaffelldecke, die sie ihm genäht hat. Papa Thupten zupft an Lungrigs Decke und neckt ihn. Konnte er doch gestern wieder nicht ins Bett finden sondern musste die ganze Familie mit seinen Kapriolen unterhalten. Als sie ihm seinen warmen Übermantel auszogen, kullerten 20 Konservendeckel auf den Teppich. Das momentane Lieblingsspiel der Kinder: eine Art Boule mit diesen Konservendeckeln. Lungrig lachte und hopste über seine gelungene Hamsterei.
HIER geht es zu unserer Winterreise nach Ladakh.

Lungrig und seine Familie gehören zu den ca. 250 tibetischen Flüchtlingsfamilien, die nomadisch im ladakhischen Changthang leben. Sie sind in neun Gruppen à 20-30 Familien aufgeteilt, die mindestens dreimal im Jahr umziehen. Das Changthang ist ein Hochplateau, welches sich über 1.600 km von Ladakhs Osten bis nach Tibets Nordosten erstreckt. Mit einer durchschnittlichen Höhe von 4.500 m in den Tälern ist Landwirtschaft nicht möglich. Es ist das Nomadenland der Changpas („Leute aus dem Norden“) in Ladakh und Drukpas („Nomaden“) in Tibet. Nach der Machtübernahme Tibets durch China in den 50er Jahren sind viele tibetische Nomaden über die Grenze nach Indien geflohen, wo sie ähnliche Lebensbedingungen wie daheim vorfanden und ihr gewohntes Leben weiterführen konnten. Auf der dünn bewohnten Hochebene war genügend Platz für tibetische und ladakhische Ziegen, Schafe und Yaks. Ladakhis und TibeterInnen leben völlig getrennt voneinander, haben kaum Berührungspunkte und selten Streit – müssen sich aber den gleichen Herausforderungen stellen, die die nomadische Lebensweise hier mit sich bringt. ...

Um die 200 Ziegen und Schafe hat die Großfamilie. Die Tiere liefern Wolle und werden in die Hauptstadt Leh verkauft, wo ihr Fleisch in den Nudelsuppen und Momos (tibetische Teigtaschen) der Städter landet. Die Wolle der Ziegen ist besonders kostbar. Durch die klirrende Kälte wachsen den Kaschmirziegen Unterbauchhaare mit einem Durchmesser von 19 Mikrometern (das Mindestmaß, um als Kaschmirwolle zu gelten) und darunter. Die Haare werden im Frühjahr ausgekämmt oder -gerupft und zu feinster Kaschmirwolle verarbeitet. Mit 13-15 Mikrometern hat die Wolle sehr gute Qualität. Kaschmirwolle ist für das karge Ladakh, welches außer Aprikosen nichts im Überfluss produziert, ein kostbares Gut. Die daraus gefertigten Produkte erzielen hohe Preise auf dem Weltmarkt. Allerdings bekommen die Nomaden den geringsten Teil davon ab. Pro Herde einer Familie kann man mit 20 kg Tierhaaren im Jahr rechnen. Diese werden zu der ladakhischen Kooperative zur Weiterverarbeitung gebracht. 2.000 Rs (ca. 30 Euro) zahlt diese pro Kilo, d.h. eine Großfamilie verdient damit rund 40.000 Rs (ca. 570 Euro) im Jahr. Bei einem guten Beamtenjob erhält man diese Summe in 2 Monaten.

aus: "Kinderglück und Zukunftssorgen - Bei den Nomaden im ladakhischen Changthang" von Nana Ziesche, Ruhpolding, Yangla-Tours mit freundlicher Genehmigung
Fotos: Nana Ziesche

Partnerlinks